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Walter de Silva wird siebzig : So muss ein deutsches Auto aussehen

Walter de Silva, 2010 in seinem Wolfsburger Büro Bild: Stefan Thomas Kroeger/laif

Klare Flächen, gespannte Linien: Walter de Silva ist verantwortlich für den hyperteutonischen Look vieler deutscher Autos. Zum siebzigsten Geburtstag des italienischen Designers.

          3 Min.

          In der Geschichte des Automobildesigns ist ein erstaunliches Phänomen zu beobachten: Viele Autos, die in ihrer gestalterischen Neusachlichkeit und Gradlinigkeit als „typisch deutsch“ gelten und weltweit das Image der Bundesrepublik mitprägten, stammen aus der Hand von französischen und italienischen Designern.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der VW Golf wurde vom Italiener Giorgio Giugiaro entworfen, und dass die Mercedes-Coupés und Limousinen der sechziger Jahre plötzlich das Buttercremetortenhafte und barock-Imposante der Vorkriegskarossen ablegten und gradlinig und filigran wie ein Bauwerk von Mies van der Rohe aussahen, das war das Werk des Franzosen Paul Bracq, der anschließend für BMW auch noch die heute ikonischen Modelle 3er, 5er und 7er erfand.

          Vielleicht braucht es einen romantischen Blick aus der Ferne, eine freundliche Sehnsucht nach dem anderen Land, um dessen Objekten Formen zu geben, die dann als typisch für dieses Land gelten? Zwei der schönsten italienischen Automobile, der Fiat 124 Spider und der De Tomaso Pantera mit ihren konkav gefalteten Kofferräumen, sind das Werk des amerikanischen Designers Tom Tjaarda, der seinen Entwürfen alle romantischen amerikanischen Träume von Dolce Vita, kurvigen Küstenstraßen und Italianità ins Blech presste. Man kann die Liste beliebig fortsetzen – aber es gibt wenige, die Vorstellungen von nationalen Eigenarten im Design so entschlossen in Szene setzen wie Walter Maria de Silva.

          VW New Compact Coupe Hybrid auf dem Messestand: Walter de Silva in Detroit 2010.
          VW New Compact Coupe Hybrid auf dem Messestand: Walter de Silva in Detroit 2010. : Bild: dpa

          Wobei der 1951 in Lecco geborene Italiener zunächst einmal in seinem eigenen Land anfing und die unter Fiat-Regie glanzlos herumdümpelnde Marke Alfa Romeo 1997 mit einem einzigen Modell rettete, dem 156er, der als sein Meisterwerk gelten kann. Das Auto führte vor, worum es de Silva ging: eine durch wenige gespannte Linien erzeugte Form, die sich ihre Proportionen bei antiken Statuen und klassischen Bauten abschaut. Designfans können sich endlos an Details wie den in der in der Fenstergrafik versteckten hinteren Türgriffen erfreuen, die die Reinheit der Linie, das Aus-einem-Guß-Hafte und organisch Gerundete der Form optisch verstärken. Der 156er war nicht, wie der zeitgleich erschienene New Beetle, ein Retro-Aufguss bekannter Klassiker, aber er holte eine Filigranität wieder aus der Versenkung, die das Autodesign seit den sechziger Jahren verloren hatte: Während Mercedes damals Autos baute, deren Hinterteil aus einem zu engen Blechtanga zu quellen schien, führte de Silva als Erster die schmalen, feinen Rückleuchten wieder ein, die heute auch bei Mercedes als Erfolgsrezept gelten.

          Das Echo ist noch heute bei Tesla zu finden

          De Silvas Alfa Romeos gefielen dem VW-Boss Ferdinand Piëch so gut, dass er den Designer 1999 nach Deutschland holte. Dort schuf der Italiener unter anderem ein Auto, dass alle Vorstellungen, die man sich im Ausland von Deutschland machte, perfekt bediente: Dem Audi A6 verpasste de Silva breite Schultern und den sogenannten „Plakettengrill“, ein riesiges Kühlermaul, mit dem er die Auto-Union-Sportwagen der dreißiger Jahre zitierte. Mit solchen Zitaten wäre ein deutscher Designer vielleicht vorsichtiger gewesen – kommerziell und formal funktionierte das Design aber perfekt: De Silva machte Audi zum weltweit begehrtesten und am deutschesten aussehenden deutschen Premium-Auto.

          Die klaren Flächen und die gespannten Linien wurden bald von vielen Designern zitiert und sind als Echo noch heute bei Tesla zu finden. Dass Audi mit dem Plakettengrill auch einen Wettlauf ums größte, aggressivste Kühlermaul lostrat, in dessen Folge neue Autos immer mehr wie die Monster aus dem Park von Bomarzo aussahen, ist eine andere Geschichte.

          De Silva entwarf danach den Sportwagen Audi R8, dessen vertikale Sideblades das Mittelmotorkonzept effektvoll in Szene setzen, und den A5, der sich mit einem angedeuteten Hüftschwung vor zu viel unterkühlter Bauhaus-Gradlinigkeit rettet und den de Silva selbst als seinen schönsten Entwurf betrachtet. Es folgten etliche Volkswagen, und wenn seither italienische Spitzenpolitiker, ohne zu erröten, immer öfter in deutschen Autos vorfahren – Berlusconi im Audi A6, Salvini im Passat –, dann können sich die Italiener wenigstens damit trösten, dass es einer von ihnen war, der den hyperteutonischen Look all dieser Vehikel verantwortete.

          2015 verließ de Silva Volkswagen und widmete sich der Gestaltung von deutlich umweltfreundlicheren Fortbewegungsmitteln: Er entwirft Schuhe, die vom Luxuslabel Gianvito Rossi produziert und unter der Marke „Walter De Silva Shoes“ verkauft werden. Damit schließt sich ein Kreis – de Silvas Großvater Ferruccio besaß zwischen den Kriegen eine Fabrik für Damenschuhe. Heute wird der Designer, der von Füßen bis zu Motoren alles in klassisch-zeitlose Formen hüllt, siebzig Jahre alt.

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