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Benjamins Todesnachricht : War es die reine Häme?

  • -Aktualisiert am

Am 26. September 1940 nahm sich Walter Benjamin auf der Flucht das Leben. Dreieinhalb Monate später stand die Todesnachricht im „Stürmer“. Bild: bpk / IMEC, Fonds MCC / Gisèle F

Ein makabres Nachspiel: Der „Stürmer“ vermeldete am 16. Januar 1941 den Tod Walter Benjamins, mehr als ein Vierteljahr nach dem Suizid. Wie kam es dazu?

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          Ahnte er, dass es so bald ihn selbst betreffen würde? „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein“, hatte er in den „Geschichtsphilosophischen Thesen“ geschrieben. Der hier faksimilierte Zeitungsartikel zeigt, dass sich die Vorhersage aus seinem letzten Lebensjahr auf eine gespenstische Weise bewahrheitet hat.

          „Der Stürmer“ meldete in seiner dritten Nummer des Jahres 1941, dass sich der „Jude Professor Walter Benjamin“ an der französischen Grenze vergiftet habe. Der Artikel erschien am 16. Januar 1941, mehr als ein Vierteljahr nach dem Suizid. Das „Deutsche Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“ scherte sich nicht um dieselbe: Benjamin war weder Psychologe, noch war er Professor in München, Wien und Paris gewesen. Zudem versah die Redaktion ihre Mitteilung, wie es üblich war, mit einem Seitenhieb, der in diesem Fall allerdings nicht dem verstorbenen Juden galt, sondern der katholischen Kirche.

          Prekäre Kommunikation

          Benjamin selbst hatte erst 1934, bei Bertolt Brecht im dänischen Skovsbostrand, zum ersten Mal eine Nummer des „Stürmers“ in die Hand genommen. Da hetzte das Blatt schon seit elf Jahren. Auffindbar geworden ist der Artikel durch die „‚Stürmer‘-Kartei“ im Stadtarchiv Nürnberg. Der kurze Beitrag wirft eine Reihe von Fragen auf: Was könnten die Motive der Redaktion gewesen sein, diese Meldung zu veröffentlichen? Warum erst jetzt? Und wie gelangte die Nachricht mit den falschen Angaben zum „Stürmer“? Die Frage nach der Quelle führt unmittelbar in das tragische Geschehen von Portbou.

          Es lässt sich mittlerweile recht genau rekonstruieren, wie die Information in Umlauf kam, dass Benjamin, „an eine unüberschreitbare Grenze getrieben / eine überschreitbare überschritten“ hatte (Brecht). Im Freundeskreis verbreitete sie sich so rasch, wie die prekäre Kommunikation es zuließ. Lisa Fittko, die Fluchthelferin, die den „ollen Benjamin“ mit seiner Aktentasche über die Pyrenäen geführt hatte, erfuhr es ein paar Tage später im französischen Banyuls, von wo aus sie noch viele Flüchtlinge über das Gebirge schleusen sollte.

          Die Grenze zwischen Frankreich und Spanien konnte er noch übertreten, dann nahm sich Walter Benjamin das Leben im Grenzort Portbou.
          Die Grenze zwischen Frankreich und Spanien konnte er noch übertreten, dann nahm sich Walter Benjamin das Leben im Grenzort Portbou. : Bild: Picture-Alliance

          Bis zu Hannah Arendt, die sich mit Heinrich Blücher in Montauban im unbesetzten Teil Frankreichs aufhielt, brauchte die Neuigkeit schon fast vier Wochen. „Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde“, schrieb sie an Gershom Scholem in Palästina. Gretel und Theodor W. Adorno erhielten „von verschiedenen Seiten briefliche Darstellungen“, darunter eine von Henny Gurland, die sich mit ihrem Sohn, Benjamin und Lisa Fittko auf den Weg gemacht hatte und für Adorno die letzte Botschaft des Verstorbenen aus dem Gedächtnis notierte. Am spätesten unter den Freunden hörte es Brecht, auf der Flucht von Finnland über die Sowjetunion in die Vereinigten Staaten abgeschnitten von fast allem, was man im Exil wissen konnte.

          Ein anonymer Verfasser

          Aber wie geriet die Nachricht in die Öffentlichkeit der Emigration? Die Quelle für zwei bislang bekannte gedruckte Meldungen und dann auch für die im „Stürmer“ ist ein Bericht, dessen Inhalt Andreas Strobl in dieser Zeitung mitgeteilt hat. Er stammt aus den American Jewish Archives in Cincinnati und war offenbar adressiert an Arieh Tartakower, Mitautor des Buches „The Jewish Refugee“ (1944), in dem Benjamin zwar erwähnt, aber nicht seine Geschichte erzählt wird. Zwei von vier Frauen, die erst in den Pyrenäen zu der Gruppe um Lisa Fittko gestoßen waren, wandten sich nach ihrer Rettung in Lissabon an eine Hilfsorganisation oder eine Nachrichtenagentur: Dr. Carina Birman, eine Rechtsanwältin, die in der österreichischen Botschaft in Paris gearbeitet hatte, und als Zweite wohl ihre Cousine Grete Freund, Mitarbeiterin von Leopold Schwarzschilds Exilzeitschrift „Das neue Tagebuch“. Am 3. Oktober schrieb ein anonymer Verfasser auf, was die Zeuginnen erlebt hatten. Vier Tage später setzte die Overseas News Agency (O.N.A.) ein Kabel ab, auf das sich ein am 11. Oktober 1940 im New Yorker „Aufbau“ erschienener Nachruf bezog.

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