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Wall-Street-Reportage : Soll und Haben

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Dem Zusammenbruch ging ein Allmachtsgefühl voraus: ein New Yorker Banker schildert den Gang in die Krise Bild: picture-alliance/ dpa

Er war ein Banker an der Wall Street. Dann verlor er den Job und ging nach Indien. Als er zurückkehrte, war alles anders. Nur er hatte sich nicht verändert. Er ist wieder Banker an der Wall Street. Ein Brief aus dem Inneren der Krise, protokolliert von Jordan Mejias.

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          Ich arbeite an der Wall Street, und ich will dort auch weiterarbeiten. Darum kann ich Ihnen weder meinen Namen noch den meines alten oder neuen Arbeitgebers nennen. Jetzt schon gar nicht, da jeder froh sein kann, wenn er noch einen Job hat. Aber auch in den allerbesten Zeiten, als die Kurse stiegen, die ganze Welt bei uns investierte, wäre keine Firma entzückt gewesen, wenn ein Angestellter aus dem firmeneigenen Nähkästchen geplaudert hätte. Was an die Öffentlichkeit dringen soll, wird heute wie damals genau kontrolliert. Es ist vielen Finanzhäusern unangenehm genug, dass sie, nachdem sie selbst an die Börse gegangen sind, ihre Bilanzen nun regelmäßig offenlegen müssen. Wall Street ist kein Ort, der für seine Transparenz berühmt ist.

          Nur so viel zu meiner Person: Ich bin verheiratet, habe drei Kinder und ein ziemlich geräumiges Haus mit Pool, Jacuzzi und Tennisplatz. Wie viele meiner Kollegen wohnen wir im Bundesstaat Connecticut, der guten Schulen und der schönen Landschaft wegen, aber auch um Einkommensteuer zu sparen. Zu unserer Familie gehören ein Kindermädchen und eine Haushälterin, bisweilen kommt eine dritte Haushaltshilfe hinzu. Alle stammen sie aus Mittelamerika, und deshalb sprachen unsere Kinder anfangs Englisch mit leicht spanischem Akzent, was nicht einer gewissen Komik entbehrte, sich mittlerweile aber wieder gelegt hat.

          Der Glaube an die eigene Allmacht

          Manchmal sehe ich die Kinder die ganze Woche nicht. Morgens, wenn ich um fünf Uhr aufstehe, schlafen sie noch, und abends, wenn ich um elf Uhr nach Hause komme, schlafen sie schon. Das ist das bei weitem Schlechteste an meinem Job. Das Gute ist, dass ich die Wochenenden frei habe. Ich handle seit zwanzig Jahren mit high yields, also mit Hochzinsanleihen, und die rund zwanzig Finanzinstitute, mit denen ich ständig in Kontakt bin, sind von Freitagnachmittag bis Montagmorgen geschlossen. Dafür muss ich werktags um sieben Uhr im Büro sein und nach Büroschluss an drei, vier Tagen in der Woche Geschäftspartner ausführen. So habe ich gelernt, sublimen Wein von nur hervorragendem zu unterscheiden. Allerdings musste ich dazu zu viele Steaks essen.

          Wenn ich es auch auf dem Markt für Hochzinsanleihen mit Unternehmen zu tun habe, deren Kreditwürdigkeit nicht optimal ist, gab es in der Vergangenheit kaum Ausfälle. In einer Notlage konnten Kredite umgeschuldet werden, und Geld für einen neuen Kredit war überall zu finden. Es herrschte in der Tat eine Atmosphäre, wie man sie aus dem Film „Wall Street“ und Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ kennt, mit Finanzgenies, die sich für allmächtig halten, dicke Zigarren anzünden und die Hosenträger klatschen lassen.

          Die Schraube noch ein bisschen weiter drehen

          Im Jahr 2006 hatte diese Euphorie wohl ihren Höhepunkt erreicht. Anfang 2007 dachten wir schon, die Party könne nicht so weitergehen, aber sie ging weiter, und weil sie immer ausgelassener weiterging, weil die Gewinne immer fabelhafter wurden und der Druck, Gewinne zu machen, immer stärker, feierten die meisten weiter mit. Obgleich jeder sehen konnte, dass auch die Risiken im selben Maße wie die Gewinne zunahmen. Jeder war sich bewusst, dass irgendwann ein Rückschlag kommen musste, aber jeder dachte sich auch: Vielleicht können wir die Schraube noch ein bisschen weiterdrehen und vor dem Absturz noch ein paar Millionen mitnehmen.

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