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Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (1) : So sieht es aus, wenn Revolutionen beginnen

  • Aktualisiert am

Harald Welzer Bild: Robert Wenkemann

Was sich mit Optimismus und offenem Denken gegen den ökonomischen Zynismus ausrichten lässt: In unserer neuen Serie erzählt Harald Welzer wahre Geschichten aus einer wünschenswerten Zukunft.

          2 Min.

          In Österreich gibt es seit mehr als zehn Jahren eine äußerst aufgeweckte Behörde. Sie heißt „Finanzmarktaufsichtsbehörde“, kurz FMA, und schützt das Land vor unkorrekten Finanzmarktakteuren. Nicht, dass sie vor dem Finanzmarktcrash gegen abenteuerliche Spekulationen mit öffentlichen Geldern und kriminelle Derivatgeschäfte besonders engagiert vorgegangen wäre - dafür schaut sie aber intensiv dorthin, wo sonst niemand drauf kommt. Zum Beispiel auf eine Schuhfabrik im Waldviertel, der strukturschwächsten Region Österreichs. Diese Fabrik hat ein Mann namens Heini Staudinger vor mehr als zwanzig Jahren übernommen und vor der Pleite bewahrt, indem er sie in einen nachhaltigen Vorzeigebetrieb verwandelte, ein Musterfall für zukunftsfähiges Wirtschaften.

          Staudinger bezieht seine Rohstoffe, wo immer es geht, aus der Region, versorgt seine Belegschaft mit biologisch erzeugten Lebensmitteln von benachbarten Höfen und zahlt sich selbst weniger Gehalt als seinen Arbeiterinnen und Arbeitern, nicht mehr als 1000 Euro im Monat. Auf diese sonderbare Weise hat er seine Belegschaft von zwölf auf heute 130 Mitarbeiter ausgebaut, was gerade im Waldviertel hoch geschätzt wird. Aber: Schon lange arbeitet Staudinger nicht mehr mit Banken zusammen. Er hat sich Erweiterungen seiner Fabrik, etwa den Bau eines neuen Warenlagers oder einer Solaranlage, schon per „crowd funding“ finanzieren lassen, als es das Wort noch gar nicht gab. Private Anleger kleiner Beträge, vorwiegend Kunden, liehen ihm das notwendige Geld, das mit vier Prozent verzinst wurde.

          Katalysator einer Gesetzes-Novelle

          Das musste die FMA auf den Plan rufen, die hier scharfsichtig ein illegales Bankgeschäft erkannte und Staudinger eine Beugestrafe von 10000 Euro androhte, sollte er nicht umgehend das geliehene Geld komplett zurückerstatten. Das Beugen soll nun, da Staudinger sich weigert, sich der FMA zu unterwerfen, folgerichtig weitergehen - dem Schuhfabrikanten droht Gefängnis. Das schreckt den aber wenig: Staudinger hat sein Unternehmen aufgebaut, ohne jemals Rücksicht auf Konventionen genommen zu haben. Das ist auch heute noch so. Mit dem, was an Gewinn erwirtschaftet wird, finanziert er Kliniken in Tansania, ein Land, das er als Schüler mit dem Moped bereist hat. Afrika hat ihn seither nicht mehr losgelassen. Heute unternimmt er die Reisen nach Tansania mit dem Fahrrad - dies nur, um anzudeuten, mit wem die FMA sich da anlegt. Dem Charismatiker Staudinger ist es natürlich umstandslos gelungen, eine Solidaritätskampagne anzustoßen, die weit über seinen eigenen Fall hinausgeht.

          Obwohl die Banken sich selbst zu nahezu null Prozent Zinsen Geld leihen können, agieren sie gegenüber Kleinunternehmern bei der Kreditvergabe nach wie vor, als hätte es nie eine Finanzmarktkrise gegeben, und verweigern notwendige Kredite, prüfen und reglementieren die Antragsteller. Inzwischen haben 10.000 Menschen eine Online-Petition für Staudinger unterzeichnet, alle österreichischen Medien berichten über den Fortgang dieses bizarren Falls. Nun sieht es aus, als würde der Fall Staudinger zum Katalysator für eine angestrebte Gesetzesnovelle, die wirtschaftliche Beteiligungsmodelle ohne den Einbezug von Banken legalisieren soll.

          Jemanden, der mit dem Fahrrad durch Afrika fährt, kann die Androhung einer Gefängnisstrafe kaum erschrecken. In einem Interview mit dem ORF teilte Staudinger dazu nur mit, dass er so viel arbeite, dass ihm eine Zeit im Knast ganz guttun würde. Im Übrigen habe der Konflikt seinem Unternehmen, der GEA, mächtig Auftrieb gegeben: „Wir verkaufen so viele Schuhe wie noch nie zuvor. So gesehen: Danke!“

          Dass Leute wie Heini Staudinger für den Beginn von etwas Neuem stehen, als Vorreiter einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft und als Widerständler gegen eine übergriffige Koalition aus Finanzwirtschaft und Politik, erschließt sich auch daraus, wie neulich eine feierliche Preisverleihung in Hamburg endete. Staudinger wurde ein Preis für nachhaltiges Unternehmertum überreicht. Der Laudator im klassischen Nadelstreifen, Dr.Oetker, zeigte sich vom Preisträger in knallroter Jeansjacke so nachhaltig beeindruckt, dass er ihm sein Anzugsakko im Tausch gegen die eher rustikale Jacke anbot. Das Publikum war fassungslos. Es könnte sein, dass es genau so aussieht, wenn Revolutionen beginnen.

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