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Wahlspot mit singenden Grünen : Oh yeah!

Sprechgesang: Annalena Baerbock und Robert Habeck Bild: Youtube

Nein, das Wahlkampfvideo der Grünen ist ihnen nicht von Titanic-TV untergejubelt worden: Es zeigt die Partei ganz bei sich selbst.

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          Der am Dienstag vorgestellte grüne Wahlkampf-Spot ist ein höchst voraussetzungsreicher Film. Er wurde der Partei nicht etwa von Titanic-TV untergejubelt, wie einige meinen. Die Grünen sind hier vielmehr ganz bei sich selbst. Sie stellen das psychologische Konzept des Empowerment in actu vor: eine Selbstermächtigung von innen her, niedrigschwellig und freundlich. Menschen brechen auf, erwachen aus ihrer Betäubung, schütteln ihre Ohnmachtsgefühle ab, fühlen sich gemeint – und machen mit. Wobei machen sie mit? Beim Aufbruch des Landes, ihres Landes, Deutschlands.

          Darum singen sie zur Melodie von „Kein schöner Land“, jenes Volkslieds von 1840, ihre Statements vom bürgerschaftlichen Engagement, ob es fürs Klima ist, für Kurzstreckenflüge, fürs Landleben auf eigener Farm (aber bitte „mit Anschluss an Straße, Bus, Bahn und W-Lan“), für Löhne und Bildung („endlich fair“). Deutschland wird besungen als ein Idyll freundschaftlicher Zusammenkünfte an Sommerabenden in freier Natur, wie es ein Exeget von „Kein schöner Land“ beschrieben hat. Gesellschaft, in ihrer Konflikthaftigkeit politisch moderiert, nimmt hier die Form einer im Grunde apolitischen Gemeinschaft an („Es gibt so viel, das uns vereint“), die Form eines Gesangsvereins, der strophenweise die Welt als Gestaltungsspielraum entdeckt: „Die richtigen Sachen, lass sie uns machen, oh yeah“.

          Der Aufbruch des Landes, für den die Grünen empowern, erscheint als die Summe aller individuellen Aufbrüche. Anders gesagt: Jeder Aufbruch beginnt bei sich selbst, und wenn das Spitzenduo spricht: „Jetzt alles geben“ (Robert Habeck), „Den Aufbruch leben, wir sind bereit“ (Annalena Baerbock), dann geht es ums Runterbrechen dieser Bereitschaft auf die Einzelnen, auf deren Bereitsein wiederum die grüne Obrigkeit angewiesen ist, welche die Schöpfung nurmehr subsidiär, hilfsweise  bewahren möchte, nicht regulierungswütig wie einst.

          In der Pose der Behutsamen heißt es:  „Jede und jeder kann“. Und man spürt: Diese Alleskönner stehen zu sich selbst, haben ihre Schwächen zu ihren Stärken gemacht, sind milde geworden durch Erfahrung und nehmen dem Aufbruchsgedanken, den der grüne Spot durchweht, alles Radikale, Unbesonnene und Euphorische. Ja, sagen ihre Mienen, wir rechnen mit den Beständen und sind uns immer schon eine Nasenlänge voraus.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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