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Wahlkampf mit Vergangenheit : Ein neuer Präsident und alte Gespenster

Sie bewegen sich auch auf dem Terrain der Geschichte: die Konkurrenten François Hollande und Nicolas Sarkozy Bild: AFP

Vor der Stichwahl befindet sich Frankreich ganz im Griff der Geschichte: Hier treten auch Nation und Revolution gegeneinander an - ein Blick in die unheimliche historische Tiefe.

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          Als 1981 die Linke zum ersten Mal in der Fünften Republik mit Mitterrand an die Macht kam, hatte sie gerade ihre ideologische Hegemonie verloren. Die Intellektuellen überwanden den Marxismus, der die Kultur beherrscht hatte und dem Mitterrand noch zwei Jahre zumindest rhetorisch verbunden blieb. Er holte die Kommunisten in die Regierung, die über Jahrzehnte hinweg die führende Kraft im linken Lager gewesen waren, und leitete ihren historischen Niedergang zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer auch in der Politik ein. Er war eines seiner großen Verdienste.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Parallel zum Niedergang des Marxismus verkündete François Furet das Ende der Revolution. Die antitotalitäre Aufarbeitung erfasste schließlich die faschistische Vergangenheit Frankreichs. Die Dämme brachen, erstmals seit 1945 kehrte das verdrängte braune Gedankengut in die öffentlichen Debatten und Moden zurück. Nach den Neuen Philosophen kam die Nouvelle Droite, die sich auf Gramsci stützte und die Rückeroberung der politischen Macht als Kulturkampf um die intellektuelle Hegemonie propagierte. Die Theorie beeinflusste die bürgerliche Rechte in der Opposition.

          Vom Sozialisten zum Europäer

          Die extreme, konterrevolutionäre Rechte war nie ganz von der politischen Landschaft verschwunden. Aber sie dümpelte stets unter der Schwelle von fünf Prozent. 1981 spielte sie überhaupt keine Rolle. Um sie zu stärken, änderte Mitterrand das Wahlrecht. Dank dem zynischen Schachzug im Dienste der linken Machterhaltung konnte Le Pens Front National erstmals bei der Regionalwahl von 1983 vereinzelte Triumphe feiern. Und ist seither eine feste Größe geblieben. In den letzten dreißig Jahren hat es die gemäßigte Rechte versäumt, ihr Verhältnis zu den neofaschistischen Extremisten zu klären - sie sind ihr größtes Problem.

          Mitterrand schaffte 1988 die Wiederwahl. Jean-Marie Le Pen erreichte schon damals im ersten Durchgang fast fünfzehn Prozent - und es gibt deutliche Anzeichen, dass er in der Stichwahl nicht den historischen gaullistischen Erzfeind Chirac, sondern Mitterrand unterstützte. Nach seiner zweiten Amtszeit hinterließ der im Gespann mit Kohl zum großen Europäer mutierte Sozialist seinen Genossen, die sich vom Kommunismus und der Revolution verabschiedet hatten, ein irritierendes Testament: Nur eine vereinigte orthodoxe Linke wird wieder die Macht erobern.

          Konkurrenzkampf am Tag der Arbeit

          Jetzt steht sie vor der Türe ins Paradies. Der frühere Sozialist Jean-Luc Mélenchon hat mit seiner „Linken Front“ die Kommunisten aus ihrem Dämmerschlaf erweckt. Die Trotzkisten, seit Mitterrand die führende Kraft links von den Sozialisten, wurden überholt. Die Grünen auf zweieinhalb Prozent gedrückt. Dieser Befund würde auch den Historiker Furet nicht erstaunen: Er hatte die Renaissance der revolutionären Leidenschaften prophezeit. Der Fanatismus, mit dem sie Mélenchon pflegt, ist beängstigend. Er zitiert Robespierre, die Symbolfigur der Terrorherrschaft, als Lichtgestalt. Und Hollande unterstützt er nicht, weil er sich zum Pragmatismus und einer Politik der Reformen bekennen würde. Sein Motiv ist ein anderes: Sarkozy muss weg - Kopf ab. Die intensivste Auseinandersetzung vor dem ersten Wahlgang war das Duell zwischen Le Pen und Mélenchon um den dritten Platz. Man fühlte sich in die Zeit der Saalschlägereien zwischen Faschisten und Kommunisten zurückversetzt. Um die Aufrechnung Hitler gegen Stalin. Diese Regression hat sich nun auch der Stichwahl bemächtigt: Revolution gegen Nation.

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