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Wahlkampf in Großbritannien : Maximale Bedrohung fürs Establishment

Politikdrama: Ed Miliband (l.) und David Cameron (r.) spielen die Unterschiede zwischen ihren Parteien in diesem Wahlkampf herunter. Bild: dpa

Tory oder Labour, hieß es früher bei englischen Wahlen. Diesmal spielen die Parteien ihre eklatanten Unterschiede herunter. Das Kulturleben blickt ratlos auf die mögliche Zeitenwende.

          Lady Antonia Fraser, die Biographin von Maria Stuart und Marie-Antoinette, hat zur Wahl ein lukratives Gesellschaftsspiel erfunden. Wenn sich, wie es dieser Tage häufig vorkommt, die Gemüter an Londoner Abendtafeln über den Anstieg der schottischen Nationalpartei (SNP) unter ihrer Parteiführerin Nicola Sturgeon und die möglichen Auswirkungen auf das noch Vereinigte Königreich erregen, wirft die mit Witz beschlagene Autorin eine gespielt naive Frage in die Runde: „Wetten, dass Nicola Sturgeon nicht ins Parlament reinkommt?“ Bisher hat Lady Antonia jedes Mal zehn Pfund kassiert von gestandenen Herren, die, wie sie mit katzenhafter Genugtuung berichtet, voreilig auf die Wette eingehen, ohne zu bedenken, dass die Erste Ministerin Schottlands selbst gar nicht für das Parlament in Westminster kandidiert. Es gehört zu den Anomalien dieses seltsamen Wahlkampfs, dass eine Politikerin die Schlagzeilen beherrscht und bei der einzigen Fernsehdebatte auch in der Elefantenrunde zugelassen war, obwohl ihre Partei nur in Schottland antritt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In den unzähligen spekulativen Permutationen und Kombinationen, die in Hinblick auf das am Freitag erwartete Unentschieden berechnet werden, misst man den schottischen Nationalisten eine Schlüsselrolle bei. In der rauschhaften nationalen Stimmung, die jenseits des Tweed um sich greift und jeden Widerspruch abzuwürgen versucht, notfalls durch die Einschüchterungsmethoden der sogenannten „Cybernats“, sagen manche sogar einen Totalsieg der SNP voraus. Das hieße, dass die Partei, die in der letzten Legislaturperiode sechs Abgeordnete nach Westminster entsandte, sämtliche 59 schottischen Wahlkreise erobern würde und jedwede Regierung in den Würgegriff nehmen könnte. Deshalb warnt der nie um eine pointierte Formulierung verlegene Londoner Bürgermeister (und mögliche Nachfolger David Camerons an der Spitze der konservativen Partei) Boris Johnson, den abwertenden Spitznamen für einen Schotten verwendend, vor einer „Ajockalypse“. So unsicher der Ausgang der Wahl ist, herrscht doch das Bewusstsein, dass Britannien vor einer Zeitenwende steht.

          Eine Frage der Identität

          Die kleine Vignette Lady Antonias ist bezeichnend für die mit Unkenntnis gepaarte Verwirrung, die die Fragmentierung der politischen Landschaft erzeugt. Selbst eingefleischte Anhänger althergebrachter Strukturen lässt sie an Wahlrechts- und Verfassungsreform denken. Sogar Lord Salisbury, Spross einer der ältesten Adelsfamilien des Landes und einst Fraktionsvorsitzender im Oberhaus, hat die jetzige Ordnung für veraltet erklärt und eine verfassungsgebende Versammlung gefordert, um die Abspaltung Schottlands zu verhindern. Er schloss sich damit dem Ruf des Verfassungsexperten Vernon Bogdanor an, der als warnendes Beispiel den gescheiterten Versuch von 1910 beschwor, im Lichte des irischen Selbstverwaltungsbegehrens eine den Umständen angepasste Verfassung zu erstellen. Wie damals die Irenfrage stellen sich jetzt die Schottenfrage und die davon untrennbare England-Frage, die die Parole „Englische Stimmen für englische Gesetze“ auf den Punkt bringt.

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