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Wahlkampf in Berlin : Grüner wird’s wohl nicht

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Nach der verlorenen Wahl in Berlin ist Renate Künast bei den Grünen die Absteigerin des Jahres. Bild: dpa

Als Volkspartei gestartet, als Mecker-App gelandet: In Berlin kann Renate Künast zurzeit machen, was sie will, sie kommt zu spät. Wie die Frau mit der Stachelfrisur trotz bester Chancen den Wahlkampf versemmelt hat.

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          Renate Künast steht also am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Die Presse ist da. Laut Terminkalender der Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin soll sich diese jetzt vor Ort über die Situation der migrantischen Gewerbetreibenden informieren. Wie sich zeigt, haben sich die migrantischen Gewerbetreibenden in den Erdgeschossen der umstehenden Plattenbauten eingemietet und verkaufen durch die Bank weg Döner. Offenbar hat sich hier eine gewisse Monostruktur herausgebildet. Renate Künast läuft in den erstbesten Dönerladen hinein, und während sie mit dem langen Messer am Fleischspieß herumschneidet, damit die Fotografen endlich ihr Bild bekommen, erzählt ihr der Verkäufer, dass Angela Merkel auch schon mit der Presse hier war. In dem türkischen Restaurant, in das sie danach geht, erzählt ihr der Geschäftsführer, dass Thilo Sarrazin hier schon mit Gästen über sein Buch diskutiert habe, und den türkischen Süßwarenladen, den sie sich als nächstes anschauen möchte, hat Franz Müntefering schon besucht, als er noch in der Politik war. Im Märchen mag der Igel gegen die Hasen gewinnen. In Berlin kann die Frau mit der Stachelfrisur zurzeit offenbar machen, was sie will, sie kommt zu spät.

          Als sich Renate Künast im Oktober vorigen Jahres zur Spitzenkandidatin der Berliner Grünen ausrief, führte die Partei die Umfragen an. Damals hatte in Fukushima noch nicht der Reaktor gebebt, und auch in Stuttgart stand die Regierung noch, trotzdem sah es bereits danach aus, als sei das Rathaus in Berlin nur der Farbe nach noch rot. Die SPD, so müde wie Klaus Wowereit, die Linke ausgezehrt, die CDU randständig, alle um die zwanzig Prozent, die Grünen hingegen bei dreißig. Ihr ureigenes Milieu, alternativ, ökologisch, migrantisch, schien in der Hauptstadt breit genug, dass sie da bereit waren, was sie im Bund erst noch werden wollten: eine Volkspartei.

          24-Stunden-Schicht

          Als der Wahlkampf begann, standen die Chancen auf eine grüne Bürgermeisterin besser als jemals zuvor. Heute, wo Ende der Woche gewählt wird, liegen die Grünen so weit hinter SPD und CDU zurück, dass Renate Künast unmöglich noch Bürgermeisterin werden dürfte. Wie kann man es nur so versemmeln?

          Renate Künast wohnt seit fast fünfunddreißig Jahren in Berlin. Aber der Wahlkampf, den sie in den vergangenen zehn Monaten führte, wirkte, als wolle sie die Stadt noch einmal kennenlernen und dabei keine Ecke übersehen. Sie hat Schulen, Kinderfeste und Ökobauernhöfe besucht, sie war beim Weihnachtsessen für Obdachlose, beim Ball der Polizeigewerkschaft und beim Auftaktspiel von Hertha. Sie hat mit Mietervereinen, Umweltvereinen und Frauenhilfevereinen gesprochen, gegen die Flugrouten des neuen Drehkreuzes in Schönefeld demonstriert, aber auch gegen Dioxin im Essen, schlechte Bildung und Atomkraftwerke allgemein. Sie hat den Muslimen Berlins zum Ende des Ramadan ein frohes Zuckerfest gewünscht und Schulanfängern eine Bio-Brot-Box gepackt. Zuletzt lief sie in einer 24-Stunden-Schicht noch die Groß- und Kleinmärkte der Stadt ab.

          Renate Künast trat auf, wo sie konnte, doch je tiefer sie einstieg, umso mehr fielen ihre Umfragewerte. Normalerweise ist der Wahlkampf ja dazu gedacht, die Wähler mit dem Kandidaten vertraut zu machen. Hier schien er ihnen nun zunehmend fremder zu werden. Dabei hat Renate Künast eigentlich nichts verändert.

          Von der Rede an, in der sie ihre Kandidatur erklärte, lag über ihren Auftritten ein seltsames Bemühen um Vollständigkeit, das schon zu ihrer Krönung nicht passte. Mehr als eine Stunde lang schlug sie den Bogen vom Aufbruch des Bürgertums im Jahre 1918 bis zum Ausbau der Stadtautobahn A100 im Jahre 2011, während ihren Anhängern, die schon die vorgedruckten Schilder mit der simplen Losung „Berlin – Eine für alle“ in den Händen hielten, die Arme lahm wurden. Das Wahlprogramm der Grünen hat zweihundertvierzig Seiten und bedenkt auch die Mieter, die sich gegen Luxussanierungen in ihrem Kiez wehren möchten, wobei Luxus hier schon Parkettboden und Vollverkachelung von Badezimmern bedeuten kann. Es war, als wollte Renate Künast jedes Problem der Großstadt wenigstens auf dem Papier bereits einmal gelöst haben, während sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, den sie doch gerade für die meisten der Probleme verantwortlich zu machen versuchte, sich damit begnügte, schlicht „Berlin verstehen“ auf seine Plakate zu schreiben.

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