https://www.faz.net/-gqz-91725

Wahlkampf auf Instagram : Politik der Pose

Hat sich extra verkleidet: Instagram-Post von Peter Tauber Bild: Instagram

Einige Politiker machen sich auf Instagram die Mühe, der Jugend vorzumachen, wie cool auch ein Politikerleben sein kann. Erstaunlich, wozu sich die Kandidaten im Wahlkampf so alles hinreißen lassen.

          6 Min.

          Der Sommer war kurz und hart, die Bundestagswahl im Herbst stand bevor, und wer sich um ein Mandat bewirbt, tat gut daran, seine Vorzüge auch im Urlaub unter Beweis zu stellen. Wenn das Parlament Ferien macht, geht die Arbeit am Ich erst richtig los, deshalb müssen die Kandidaten gerade in ihrer Freizeit zeigen, dass sie in der Lage sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich fleißig zu erholen. Das eigene Profil macht keinen Urlaub, und mittlerweile beherrschen viele Politiker den Umgang mit den sozialen Medien recht gut. Auf Facebook stürzen sie sich in den direkten Dialog mit den Wählern und ertragen mehr oder weniger tapfer den Volkszorn oder die Beschimpfungen, die ihre Gegner in osteuropäischen Hassfabriken bestellen, auf Twitter wagen sie sogar die ein oder andere kalkulierte Provokation, und nun, so legen es den Kandidaten ihre Berater nahe, sollen sie endlich auch lernen, die jüngsten ihrer Wähler dort anzusprechen, wo diese wesentliche Teile ihres Lebens verbringen: auf den Seiten des Fotonetzwerks Instagram.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Fünfzehn Millionen Nutzer hat Instagram mittlerweile in Deutschland und wächst schneller als der Dienst des Mutterkonzerns Facebook, vor allem bei Leuten unter 18. Und obwohl die Parteiprogramme diese demographisch unbedeutende Gruppe eher vernachlässigen, machen sich einige Politiker die Mühe, der Jugend vorzumachen, wie cool auch ein Politikerleben sein kann. Spitzenreiterin ist auch hier die Bundeskanzlerin, die mit ihren staatstragenden Bildern von vorfahrenden Limousinen und angeregten Gesprächen mit Staatsgästen 350 000 Fans erreicht. Auch auf Instagram hat es Angela Merkel nicht nötig, sich zu irgendwelchen Experimenten hinreißen zu lassen.

          Über die inoffizielle Seelebaumelnlassen-Challenge

          Ambitionierter ist da schon der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der seinen Followern im Urlaub auf Mallorca bewies, wie er für den anstehenden Wahlkampf Kraft tankt: Er postete Fotos vom Hafen von Palma, von einem Besuch einer Kartbahn und einer Tour mit einem Motorboot, das unter deutscher Flagge fährt, und vergaß auch nicht, den Hashtag „#lovemyjob“, den er sonst gerne unter seine Bilder setzt, gegen den Hashtag „#vacaymode“ auszutauschen. Der Neid einiger Follower blieb ihm zwar trotzdem nicht erspart, Kritik gab es aber vor allem an einem Foto, das ihn beim Interview mit der „Mallorca Zeitung“ zeigt. „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“, schrieb Lindner dazu, das brachte ihm nicht nur Likes ein: Er solle sich doch erholen und bitte bloß nicht überarbeiten, kommentierten besorgte Anhänger.

          Instagram-Auftritt von Christian Lindner Bilderstrecke
          Instagram-Auftritt von Christian Lindner :

          In der inoffiziellen Seele-baumeln-lassen-Challenge schnitt Lindner trotzdem ganz gut gegen die Konkurrenz ab. Cem Özdemir veröffentlichte idyllische Fotos aus dem Vinschgau, wo er Reinhold Messner getroffen und die „Energie der #berge getankt“ hat, Katrin Göring-Eckardt, die andere Hälfte des Spitzenduos der Grünen, bewies ihre Führungskompetenzen am Steuer eines Segelbootes auf der Ostsee. Der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter machte derweil auf Grönland Beweisfotos von den Folgen des Klimawandels und guckte, weil die arktische Landschaft trotz schmelzender Gletscher so spektakulär schön aussieht, besonders besorgt drein. Der bayerische Finanzminister Markus Söder und FDP-Bundesvize Katja Suding verbrachten ihren Urlaub am Gardasee, wo beide Bilder ihrer ordnungsgemäß hochgelegten Füße posteten, was für Söder in die Kategorie „#relax“ fiel, für Suding, die sicherheitshalber ihren Laptop ins Bild rückte, dagegen als „#work“ durchging, während sie wiederum das Golfspielen am Scharmützelsee nicht als Arbeit am Handicap auswies, sondern tatsächlich mit dem Hashtag „#seelebaumelnlassen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump beim Spatenstich mit Foxconn-Vertretern

          Foxconn-Fabrik in Wisconsin : Trump und sein „achtes Weltwunder“

          Amerikas Präsident inszeniert sich gerne als Retter der Industrie. Ein einstiges Vorzeigeprojekt mit Foxconn im Rostgürtel droht nun aber zu scheitern. Auf Trumps Wirtschaftspolitik wirft das ein wenig schmeichelhaftes Licht.
          Passanten mit Mund- und Nasenschutz in Berlins Tauentzienstraße

          Auf Cluster schauen : Zeit für einen Strategiewechsel gegen Corona?

          Viele Gesundheitsämter sind immer noch darauf konzentriert, Einzelkontakte nachzuverfolgen. Die Verbandschefin der Ärzte im Öffentlichen Dienst will einen anderen Weg gehen und Infektionscluster in den Blick nehmen.
          Wieder kein Sieg: Kölns Dimitris Limnios kann es nicht fassen.

          1:1 in Stuttgart : Kölner Sieglos-Serie hält

          Der 1. FC Köln gewinnt schon wieder nicht. Beim starken Aufsteiger VfB Stuttgart zeigt das Team von Trainer Markus Gisdol aber immerhin Moral. Nach einem Blitztor der Gastgeber hilft ein Elfmeterpfiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.