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Wahl in Italien : Der erste Popstar der Weltpolitik

  • -Aktualisiert am

Berlusconi: Der erste Politiker, der sich benimmt wie ein Rocker Bild: AP

An diesem Sonntag und Montag wird in Italien gewählt - nach einem harten Wahlkampf. Gegen die Personality-Show von Ministerpräsident Berlusconi verblassen sogar die vaterländischen Ikonographien von Putin, Blair oder Chirac.

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          „Drück mich, drück mich stärker, drück mich an dich! Ich fühle, du gehörst mir, ich will dich - in der Nacht, die kommt.“ Der Medientycoon, Bauunternehmer und Ministerpräsident Berlusconi ist zweifellos berühmter als der Schnulzenschreiber. Aber auch auf diesem Gebiet hat sich der uomo universale aus Mailand einen Namen gemacht. „Meglio una canzone“ - „Besser ein Lied“ - heißt die CD des neapolitanischen Schlagersängers Mariano Apicella.

          Sämtliche Texte stammen von Berlusconi, der hier in die Rolle des feurigen Latin Lovers schlüpft. Der dichtende Politiker hat auf seinem Luxusanwesen in Sardinien mit Apicellas platten Harmonien bereits diverse Staatsgäste gefoltert. Im Ausland betrachtet man Berlusconis platte Scherze, seine Auftritte am Piano bei Wirtschaftsgipfeln, seine Dante-Rezitationen, seine Wutanfälle gerne als Fußnoten einer bigotten und knallharten Geschäftspolitik, die den Padrone gerichtlich mit Mafiamördern, Richter-Bestechung und Bilanzbetrug in Verbindung brachte.

          Einzigartige Karriere

          Doch ohne gezielte ästhetische Untermalung ist diese einzigartige Karriere nicht zu erklären. Denn so dumm, daß sie einfach auf dreiste Lügen und geschönte Fernsehberichte hereingefallen wären, sind die Italiener nur im Klischee. Berlusconi bezieht bis zu den heutigen Parlamentswahlen sein gigantisches Selbstbewußtsein aus der Überzeugung, dem Land ein neues Image geliefert und damit eine Epoche eröffnet zu haben: seine.

          Bild: dpa

          Mit dieser Ansicht hat er zweifellos recht, wie immer man den Berlusconianismus moralisch auch bewertet. Mit dem bisher erreichten Ziel - dem Boß lästige Gerichtsverfahren vom Hals zu halten und sein Vermögen zu mehren - tritt dieser neue Regierungsstil die Gewaltenteilung mit Füßen. Durch seine Methoden erwies sich Berlusconis rosiger Räuber-Kapitalismus als geniale Form der Modernisierung von Politik und Gesellschaft.

          Das Boy-Group-Prinzip

          Italien vor Berlusconi - das war eine ungelüftete Versammlung von Interessengruppen. Vor allem die katholische Kirche und die Gewerkschaften kontrollierten Arbeitsleben, Medien, Moral bis in die letzten Alltagshandlungen. Während in Deutschland Wirtschaftswunder und Achtundsechziger diese Dumpfheit aufmischten, mußte Italien auf den Boom länger warten. Terrorismus, Auswanderung, Klassenkampf, aber auch Papstmoral und Großgrundbesitz hielten sich hier bis in die achtziger Jahre. Berlusconi, Jahrgang 1937 und aus kleinen Verhältnissen stammend, machte die bilderbuchhafte 68er-Aufsteigerkarriere, nachdem er Tabus und Brüche der Italiener genau analysiert hatte. Mit Modernisierung verdiente er in Mailand sein Geld: Beton-Vorstädte für die Landflüchtigen, Fernsehen für die erkämpfte Freizeit und Werbung für die Konsumgeilen.

          Während die Roten Brigaden und die Maoisten sich ihre vergeblichen Straßenkämpfe gegen ein sowieso wankendes Regime lieferten, bildete Berlusconi mit Fußballkumpels eine Boy-Group, die ihn bis heute durch dick und dünn begleitet: Fedele Confalonieri fürs Fernsehgeschäft, Adriano Galliani für den Sport, Marcello dell'Utri für die Kontakte zur Unterwelt, Emilio Fede für die Propaganda und der inzwischen verstorbene Bettino Craxi für die Politik. Jeder von ihnen kam schließlich in seiner Sparte ganz oben an.

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