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Wahl in Frankreich : Erst kommt die Politik, dann die Moral

Das Geld und der Verrat sind die Themen des französischen Wahlkampfes. In Sachen Francois Fillon kühlen sich die empörten Gemüter aber gerade wieder ab. Bild: AFP

Alles Banker und Betrüger? Langsam dämmert den Franzosen, dass sie so oder so keinen Heiligen in den Präsidentenpalast schicken.

          Als „unwürdigsten und traurigsten“ Auftritt der Wahlkampagne, so sagt Alain Finkielkraut, werde ihm der Schlagabtausch zwischen der Schriftstellerin Christine Angot und dem Präsidentschaftskandidaten François Fillon in Erinnerung bleiben. Eigentlich war es gar kein Schlagabtausch: „Angot hatte keinen Gesprächspartner. Mit von Hass verzerrtem Gesicht ließ sie eine Sturzflut von Beschimpfungen über den Schurken ergehen.“ Auf Fillons Einwand, was ihr denn einfalle, so über ihn herzufallen und ihn als „unehrlich“ zu bezeichnen, geiferte Angot weiter: Sie „fühle“, sie „spüre“ es – der Instinkt als Beweis.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          „Dichter waren selten Helden“, schreibt der Schriftsteller Denis Tillinac in einer Kolumne: Voltaire war es, als er Jean Calas verteidigte, oder Zola mit seinem Pamphlet „J’accuse“ in der Dreyfus-Affäre, auch die erschossenen Schriftsteller im Widerstand. Sie kämpften für die Wahrheit und legten sich mit der Macht an. Angot dagegen wurde von einer total verantwortungslosen Redaktion im Fernsehen als willfähriges Sprachrohr des Volkszorns missbraucht. Dass auch sie unter Anklage steht und mehrfach wegen Verleumdung und Verletzung der Privatsphäre verurteilt worden ist, war Fillon nicht entgangen. Aus seinem Eingeständnis, dass ihn die Vorwürfe nicht gleichgültig ließen, machte die Schriftstellerin eine „Erpressung mit Selbstmorddrohung“. Zur Verteidigung ihres eigenen Tuns – und Instinkts – berief sie sich auf die Literatur: „Ich bin angeklagt, weil ich die Wahrheit schreibe.“

          Ein Duett der Diebe

          Zehn Tage später ist Fillon von einem Star-Interviewer gefragt worden, ob er am Ende des Monats ein bisschen Geld auf die Seite legen könne. Das ist das Thema Nummer eins in diesem Wahlkampf: das Geld und der Verrat. Der Republikaner Fillon hat sein Versprechen gebrochen, dass er im Falle einer Anklage zurücktreten werde. Der zweite Verräter ist der Sozialist Manuel Valls: Als Teilnehmer der Vorwahl hatte er schriftlich angekündigt, dass er im Falle der eigenen Niederlage den Sieger – es wurde Benoît Hamon – unterstützen werde. Als Valls sich dann entschied, Emmanuel Macron zu unterstützen, sagte die frühere Parteichefin Martine Aubry, Bürgermeisterin von Lille: „Macron liebt nicht die Menschen, Macron liebt das Geld.“

          Sprachrohr des Volkszorns:  Die Schriftstellerin Christine Angot ließ eine Sturzflut von Beschimpfungen auf Francois Fillon niederprasseln.

          „Über die Tugend“ (De la vertu) lautet der Titel des gerade erschienenen Buchs von Jean-Luc Mélenchon, einem weiteren Präsidentschaftsbewerber. In der Fernsehdebatte aller Kandidaten am Dienstagabend erneuerte der linksradikale Mélenchon seine Tiraden auf „l’argent roi“ (auf den „König Geld“). Der gilt als der Feind des Volkes, neun der elf Teilnehmer in der Runde bekämpfen ihn, von links wie rechts, aber mit dem gleichen revolutionären Eifer. Es war eine Sternstunde des Antikapitalismus. Von allen Vorschlägen, die in diesem Wahlkampf diskutiert werden, gibt es nur einen einzigen, der eine Mehrheit findet: die Begrenzung der Spitzengehälter. Mit dieser Forderung sind 78 Prozent der Franzosen einverstanden. Die zwei „Kandidaten des Geldes“, das die Welt regiert, spielen die Hauptrollen in diesem Stück: der Banker und der Betrüger, ein Duett der Diebe.

          Zyniker regieren besser

          Die Beschimpfung des Bösewichts Fillon durch die Schriftstellerin wird in die Geschichte dieses irren Wahlkampfs möglicherweise als Wende zur Vernunft eingehen. Die Empörung über Fillons Verfehlungen weicht inzwischen einer gewissen Nüchternheit. Der Skandal hat vielerlei Überlegungen in Gang gebracht. „Die Moral hat die Politik getötet“, befindet der linke Historiker Jacques Julliard im „Figaro“. Menschen wie Mutter Teresa oder der Abbé Pierre, die als ethische Vorbilder verehrt werden, taugen nicht unbedingt für die Politik – dafür gibt es in der französischen Geschichte viele Beispiele. Dass Zyniker manchmal besser regieren, lehrt auch die politische Philosophie und wird von den Erfahrungen der jüngeren Gegenwart bestätigt. Mitterrand war ein Doppelmoralist, der im öffentlichen Interesse log und denselben Schneider hatte wie Fillon. Er wurde als Marxist gewählt und befreite das Land dann vom Kommunismus.

          Tiraden über den „König Geld“: der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon.

          Im „Point“ muss sogar der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit seinen Reformen als Beispiel für den heilsamen Verrat herhalten, bei Julliard im „Figaro“ allerdings auch für die „Prostitution der Demokratie“, zusammen mit Clinton, Blair und Sarkozy, die ihre Krönung durch das Volk mit Vorträgen und Beratungen vergolden, für die sie, so Julliard, „skandalös hohe“ Honorare beziehen. „Simonie“ im Sinne der katholischen Theologie ist das für Julliard: „Handel mit geistlichen Gütern.“

          „Brauchen wir einen Heiligen im Elysée?“, fragt der Philosoph und Bestsellerautor André Comte-Sponville in einem Wirtschaftsmagazin. Verschiedentlich verweist er darauf, wie falsch es sei, Moral und Politik gleichzusetzen. Moralisch, so Comte-Sponville, der Macron wählen wird, sei die Frage: „Was soll ich tun?“ Keineswegs den anderen verurteilen, dessen Motive man nicht kennt: „Das ist die Aufgabe der Justiz.“

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