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Rechtsextremer Jair Bolsonaro : Die Kunst soll als Schmarotzer des Systems verunglimpft werden

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Kunstschaffende in Brasilien haben Sorgen: Jair Bolsonaros Agenda bedroht die Szene. Bild: dpa

Wenn Jair Bolsonaro der nächste brasilianische Präsident werden sollte, wird er den Kultursektor auslöschen, berichtet die Leiterin des Goethe-Instituts in São Paulo in einem Gastbeitrag.

          In der extrem aufgeheizten Situation vor der Wahl sagt die brasilianische Kulturszene dem Rechtspopulismus im Stile Bolsonaros den Kampf an. Sie mobilisiert über die sozialen Medien zu Protesten, Demonstrationen, Kundgebungen und künstlerischen Aktionen. Denn aus ihrer Sicht sind Demokratie und die Freiheit künstlerischen Ausdrucks in Gefahr. Alles, wofür man während der Militärdiktatur gekämpft hatte, wofür viele ihr Leben geopfert hatten, scheint plötzlich in Gefahr. „Deshalb ist ein Mann wie Bolsonaro in Brasilien gefährlicher als ein Trump in den Vereinigten Staaten. Hier haben wir keine wirkliche Demokratie“, sagt Schriftsteller Luiz Ruffato im „El Spectador“.

          Das Goethe-Institut hatte in den Jahren der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 eine besondere Rolle. Es war eines der wenigen Orte des freien Austausches, der Kontakte mit internationalen Kulturszenen – ein Refugium der intellektuellen und künstlerischen Kreation. Die Begründer des Tropicalismo – Gilberto Gil und Caetano Veloso gingen im ICBA (Instituto Cultural Brasil Alemanha beziehungsweise Goethe-Institut) in Salvador da Bahia ein und aus. In São Paulo traf man sich in der Bibliothek des Goethe-Instituts oder veranstaltete Filmabende mit verbotenen Filmen. Nach mehr als dreißig Jahren scheint diese Rolle wieder aktuell zu werden.

          Der stetige Verfall der kulturellen Förderungen begann 2013, als die Bevölkerung auf die Straße ging, um gegen die Erhöhung der Bustarife zu protestieren. Es folgte das Impeachment gegen Dilma Roussef, das einen Präsidenten generierte, der zuletzt nichts anderes tat, als seine Haut vor Korruptionsanklagen zu retten. Michel Temers neues Kabinett bestand zu hundert Prozent aus weißen, älteren Herren. Eines der ersten Ministerien, das abgeschafft wurde, war das für Kultur.

          Gesellschaftlich Gebrandmarkte wurden Protagonisten

          Die Proteste der künstlerischen Akteure hörten nicht mehr auf. „Fora Temer“ – „Temer raus“ war der Slogan. Und überall bei Festivals oder anderen künstlerischen Events, bei denen Begrüßungsredner von offizieller Seite auftraten, wurden sie ausgebuht und weggepfiffen. Man kämpfte für die Kultur und für ihre Finanzierung.

          Schon hier wurden Akteure wie das Goethe-Institut und andere ausländische Institutionen zu immer wichtigeren Förderern der kulturellen Szenen. In diesen Jahren entwickelten sich auch neue Diskurse. Rassismus war immer damit abgetan worden, dass in Brasilien doch jeder gemischter Herkunft sei. Doch nun meldeten sich die afrobrasilianischen Kulturschaffenden und Aktivistinnen und forderten die „weißen“ Eliten zur Auseinandersetzung auf. Auch die LGBT-Szene trat selbstbewusster in die Öffentlichkeit und forderte ihre Rechte. Gesellschaftlich gebrandmarkte Gruppen wie Prostituierte, Migranten oder Obdachlose wurden Protagonisten künstlerischer Aktionen. Die Künstler wurden zu sozialpolitischen Akteuren.

          Vor allem tat sich eine Gruppe hervor, die üblicherweise in Brasilien auch unter Intellektuellen ihre eher traditionelle Rolle innehatte – die Frauen. Der Feminismus – ganz besonders der afrobrasilianische oder indigene Feminismus – wurde mit den misogynen Haltungen eines Temer oder eines Bolsonaro zu einer immer stärkeren Bewegung. Namen wie die der Performancekünstlerinnen Michelle Mattuizzi, Anita Ekman, Christina Takuá oder Jota Mombaza stehen für eine neue Generation aktivistischer Künstlerinnen, die dem brasilianischen Machismo Paroli bieten.

          Mit dem Verfall öffentlicher Kulturförderung entwickelte sich gleichzeitig eine Strömung, die Kunst und Kultur neu bewertet. Vertreter religiöser Gruppierungen wollen diktieren, was gute und zeigbare Kunst ist. Immer mehr wurde Kunst zum Spielball von Meinungsmachern, besonders aus evangelikalen oder anderen religiösen Richtungen. „Rechtspopulistische Kampagnen versuchen, alle Kunst und deren Institutionen in Frage zu stellen und sie als Schmarotzer des Systems zu verunglimpfen“, sagt Jochen Volz, Leiter der Pinacoteca in São Paulo.

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