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Wagner Festspiele 2014 : Unfrohe Botschaften aus Bayreuth

  • -Aktualisiert am

Wiederaufnahme eines Regieproblems: Markus Eiche (Wolfram von Eschenbach) und Camilla Nylund (Elisabeth) im diesjährigen Bayreuther „Tannhäuser“ Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nicht mehr überbucht, Karten noch zu haben: Was andernorts eine gute Nachricht für das Festival-Publikum wäre, ist für Bayreuther Verhältnisse nah an der Katastrophe: Dieser Sommer will erst einmal überstanden sein.

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          Etwas ist anders. Die Eröffnungsparty fand ohne Kanzlerin statt. Sie komme später, hieß es. Gründe? Privat. Vielleicht geht es ihr aber nur wie vielen anderen treuen Bayreuthpilgern auch: Sie will nicht noch einmal mit ansehen müssen, wie die heilige Elisabeth ins Gas geht. Dumm genug, dass es in diesem Jahr turnusmäßig nur Wiederaufnahmen bei den Bayreuther Festspielen gibt. Noch dümmer, dass man ausgerechnet zur Eröffnung noch einmal die superdumme „Tannhäuser“-Produktion zeigt, die sowieso aus dem Programm genommen werden soll. Warum? Weil Bayreuth auf den Karten sitzenbleibt.

          Auch das ist anders in diesem Jahr. Noch in der vergangenen Woche waren Karten zu haben, nicht nur auf dem Schwarzmarkt, sondern regulär, denn fast fünfzig Prozent des Internetkontingents sollen entweder nicht bestellt oder nicht abgeholt worden sein. Bayreuth, fünffach überbucht? Die Zeiten sind vorbei.

          Ein Jahr nach dem zweihundertsten Geburtstag ihres Namensgebers und Stifters sind die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele im Begriff, ihren Mythos-Bonus zu verlieren. Das Publikum strömt nicht mehr um jeden Preis. Die neuen Zeiten haben sich lange angekündigt, teils sogar schwarz auf weiß. Niemand, vor allem niemand aus dem Stiftungsrat, kann sagen, er habe das nicht mitbekommen.

          Das haben sie nun davon!

          Als die Wagner-Halbschwestern, Kronprinzessin Katharina und ihre Steigbügelhalterin Eva, vor sechs Jahren in den Sattel gehoben wurden, hatten sie genau das auf ihre Fahnen geschrieben: Schluss mit der Exklusivität! Schluss mit der Originalität! Eine große Medieninitiative wurde gestartet, die Festspiele sollten populärer, transparenter, offenherziger und zugänglicher werden, auch lustiger und trashiger. Und der Stiftungsrat fügte hinzu: Schluss mit dem Familienbetrieb! Das haben sie nun davon.

          Von der Lust und von der Initiative, vom Public Viewing und von all den anderen teuren Ideen ist nicht viel übrig geblieben. Sponsoren sprangen ab, Rechnungen gingen nicht auf, Inszenierungen wurden zum Flop. 19 Stunden vor Eröffnung der Festspiele, am Donnerstagabend, ließ die Festspielleitung über einen Umweg bekanntgeben, dass die „Meistersinger“ im Jahr 2017 von Barrie Kosky inszeniert werden sollen. Diese Personalie ist die bisher wichtigste Neuigkeit des Festspielsommers; vielleicht kündigt sich damit eine Wende an.

          Kosky, Chefregisseur und Intendant der Berliner Komischen Oper, die sich zurzeit noch mit dem Lorbeer „Opernhaus des Jahres“ schmücken darf, ist zwar auch nicht unbedingt ein tiefschürfender Wagnerexeget, er gehört eher zur Kategorie Spaßmacher. Aber mit ihm hat das Bayreuther Inkompetenz-Team doch endlich wieder einen Kollegen angefragt, der vom Fach kommt und der den Unterschied kennt zwischen Oper, Kirmes, Egotrip und Polithappening; anders als, zum Beispiel, der mit Hakenkreuzprovokationen auf sich aufmerksam machende Künstler Jonathan Meese, der 2016 den „Parsifal“ übernehmen soll.

          Als hätte Castorf der bürgerliche Sittenkodex je interessiert

          Anders auch als der Bayreuther „Ring“- Regisseur Frank Castorf, der, gleichfalls am Donnerstagabend, in einer chaotischen Talkshow mit seinem glitzerhellen Anzug die Kameraleute an den Rand des Wahnsinns trieb und den Schulterschluss probte mit dem tiefdeprimierten Salzburger Festspielintendanten Alexander Pereira, für den gerade die letzte Saison beginnt.

          Vom Kuratorium der Festspiele wegen angeblicher Überfrachtung, Verschwendung und Misswirtschaft hinauskomplimentiert, ließ sich Pereira nun im Fernsehen als Märtyrer feiern; er warf mit Zahlen um sich, um seine Unschuld zu beweisen. Castorf nickte mitfühlend. Er ist der vermutlich einzige Mensch auf der Welt, der die Ansicht vertritt, es gebe „in Bayreuth zu viel Belkanto“ (gemeint ist: es wird dort gesungen).

          Jetzt droht er, auf der Stelle werde er „zum Freischärler und Partisan“, wenn die Wagner-Schwestern sich nicht endlich ein besseres Benehmen zulegten und eine ihm nicht genehme Sängerumbesetzung nicht sofort rückgängig machten. Ein ums andere Mal rief er in die Klagen des Herrn Pereira hinein: „Det jehört sich nich!“ - als hätte ihn, der dem Publikum gern den Stinkefinger zeigt, aber den Theaterbetrieb als letzte feudalistische Bastion bezeichnet, deren Alleinherrscher er ist, der bürgerliche Sittenkodex selbst je interessiert.

          Was bedeutet das? Die Talkshow sollte keinen Blick gewähren in ein neuentdecktes, unbekanntes Theaterstück von Horváth oder Beckett. Es handelte sich auch nicht um eine Dokusoap aus der Gesprächstherapiestunde des Seniorenheims. Auch nicht um einen neueröffneten Musikkindergarten. Die da greinten und mit Sand warfen, gehören zurzeit (noch) zu den führenden und bestbezahlten Künstlerpersönlichkeiten des sommerlichen Festivalbetriebes.

          Es ist kein Wunder, dass so viele Prominente diesmal fehlten auf dem roten Teppich. Was außerdem fehlte: ein handfester Streit, ein kleiner Hakenkreuzskandal, ein fristloser Rauswurf, eine einstweilige Verfügung oder etwas anderes, was den Ruf der Festspiele, sie stünden im Fokus des nationalen oder gar internationalen Interesses, kräftigen könnte. In diesem Jahr gibt es einfach nicht viel, was sich wirklich zu berichten lohnte.

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