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Hilfe für Zeitreisende : Wäre ich reich oder arm in Shakespeares London?

Neuseeländische Schauspieler 2012 auf der Bühne des nachgebauten Globe in London: Auch so finden unterschiedliche Zeiten zusammen. Bild: AFP

Eine Reise durch die Zeit ist ein Abenteuer. Britische Forscher haben ein Programm entwickelt, um vorher individuelle Risiken der Reisenden abzuklären.

          2 Min.

          Zeitreisen in Gedanken, Büchern und Filmen oder Computerspiele, die in der Historie angesiedelt sind: sie alle leben vom Zusammenprall eines modernen Bewusstseins und der vermuteten Realität einer anderen Epoche. Und dadurch auch von der Frage, wer sich von diesen beiden mehr verändert: Wir, wenn wir staunend, euphorisch oder verschreckt eine andere Epoche hautnah erleben, oder eben jene Epoche, wenn wir das Wissen und die Maßstäbe unserer Zeit in sie hineintragen? Oder verändert sich doch beides zugleich so massiv, wie es die norwegische Serie „Beforeigners“ gerade durchspielt?

          Wenn allerdings die Allerweltsweisheit vom Mitnehmen seiner selbst, egal wohin es einen verschlägt, auch für die Vergangenheit gilt, dann tut man gut daran, zu überschlagen, welchen Platz man in einer solchen Gesellschaft einnehmen würde. Für Zeitreisende in Shakespeares England haben britische Universitäten den „Social Class Calculator“ entwickelt, der online einen entsprechenden Selbsttest anbietet. Er entscheidet, in welche der zehn Schichten zwischen „New Gentry“ (den reichen Earls, Dukes oder Gentlemen) und „Dependent Poor“ man sich einzureihen hätte. Gefragt wird nach Besitz und Vermögen, nach familiären und freundschaftlichen Verbindungen, nach Adelstiteln, Rüstungen und Ölgemälden, auf denen Verwandtschaft abgebildet ist.

          Im Mittelfeld der Skala

          Einen geringeren Teil nimmt die Ausbildung ein – immerhin: Wer schreiben kann, punktet, und es ist jedenfalls von Vorteil, für die Queen oder die Geistlichkeit zu arbeiten. Wobei Erwerbsarbeit den Status offenbar eher senkt als hebt, dann jedenfalls, wenn man angibt, mit dem Salär gerade so durchzukommen.

          All das sind in den Extremen dieser Skala keine großen Überraschungen: Dass Adel und Grundbesitz mit einem höheren sozialen Status assoziiert sind, hätte man sich wohl auch so gedacht. Interessant – und von den Urhebern des Tests auch besonders in den Blick genommen – sind die Menschen im Mittelfeld der Skala. Was sind die Nuancen, die darüber entscheiden, ob die Angehörigen der Mittelschichten prekär oder gesichert leben? Welche Möglichkeiten haben Aufsteiger in diesem Bereich einer an den Rändern doch recht statischen sozialen Schichtung? Und wo liegen die Risiken für Armut und Absturz?

          Natürlich ist der „Social Class Calculator“ nur so gut wie die Daten, auf denen er fußt und die nach Angaben seiner Urheber laufend ergänzt werden. Um aber Lebenswege durchzuspielen, indem man die Angaben ändert und dann schaut, was passiert, eignet er sich gut. Bürgerliche Einzelgänger, so lernt man, sind in späteren Zeiten womöglich besser aufgehoben als unter Shakespeares Zeitgenossen. Vom Penicillin ganz abgesehen.

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

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