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Währungsnostalgie in Spanien : Blond kommt spät

In Spanien breitet sich eine Währungsnostalgie aus: Manche Läden akzeptieren wieder Peseten. Die Händler machen ein gutes Geschäft, die Alten schwelgen in glücklichen Erinnerungen.

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          Zuerst war es nur eine gute Geschäftsidee. Zum Beispiel in Lugo, Nordwestspanien, wo ein Laden für Herrenbekleidung seine Kunden immer noch in Peseten bezahlen ließ. Da lägen noch so viele Ersparnisse herum, sagte der Inhaber. Und dann bleibe es eben liegen, das Geld. Zum Umtauschen in die Provinzhauptstadt fahren, das sei den Leuten auch zu mühsam. Also kämen sie zu ihm und seien froh, die alten Scheine noch benutzen zu dürfen. Sobald er genug zusammenhabe, fahre er zur Bank von Spanien und tausche es um. Das war vor mehr als drei Jahren. Seitdem hat sich die Altwährungsnostalgie über das ganze Land verbreitet.

          Alle paar Wochen kann man irgendwo eine zu Herzen gehende Pesetenreportage lesen. Sie erzählt von Dörfern in Andalusien, im Baskenland oder auf Mallorca, die irgendetwas gegen die Krise tun wollen, von Alten, die nicht von der Vergangenheit lassen können, und Händlern, die sie ihnen behutsam aus den Fingern winden. "Na, kommt schon", würden sie sagen, wenn ihre Gedanken hörbar wären, "gebt es schon her. Trennt euch. Ihr könnt es doch nicht mitnehmen!"

          Bezahlen mit „der Blonden“

          Nein, das können sie nicht. Und doch schlummern fast zehn Jahre nach der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung irgendwo in spanischen Wohnungen noch 1,7 Milliarden Euro in Peseten, in Brieftaschen, Blechbüchsen, Kommoden, Schatullen, vergessenen Hosen- und Manteltaschen, in Sparstrümpfen und unter Matratzen. Die vertraute Währung ist nicht nur eine Erinnerung an glückliche Vorkrisenzeiten, sondern auch ein Notgroschen, mit dem man sich in düsteren Tagen die kleinen Extras leistet. Banknoten, die vor 1940 datieren, werden allerdings nicht mehr angenommen. Und das Ersparte schrumpft unwiderruflich.

          Was tun? Ach, gar nichts. Weitermachen, solange es geht. Diesen Monat riefen Händler in Villamayor de Santiago (Provinz Cuenca) ihre Kunden dazu auf, mit "der Blonden" zu bezahlen, wie man die alte Währung liebevoll nennt. Der Umsatz belief sich auf eine Million! Leider nicht in Euro, dort waren es nur sechstausend. Das Dörfchen Inca auf Mallorca, wo man letzten November eine Woche lang in der alten Währung bezahlen durfte, gab sich als Motto: "Es lebe die Pesete!" Nur sterben möchte man nicht mit ihr. Beerdigungen, sagt der Bestattungsunternehmer, seien bisher nicht mit der Blonden bezahlt worden. "Der Mindestpreis ist 1500 Euro, und so viel haben die Leute auch wieder nicht."

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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