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Wachstumskritik : Das bornierte Streben nach Profit

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In der kapitalistischen Wachstumszange

Sicherlich sollen einige Branchen wie öffentlicher Verkehr oder erneuerbare Energien, Gesundheit, Bildung und Pflege ökonomisch wachsen, weil sie teilweise marktvermittelt angeboten werden. Zentraler Kritikpunkt eines linken Wohlstandsverständnisses sind die Wachstumstreiber, nämlich das kapitalistische Profit- und Konkurrenzprinzip. Die kapitalistische Dynamik wird angefeuert durch die Dominanz des Tauschwerts über den Gebrauchswert. Das Kapital macht sich auf die rastlose Suche nach Verwertung, ob auf den Finanzmärkten, bei Investitionen in Industrie oder in der Dienstleistung, durch den Kauf von Land oder die Ausbeutung von Ressourcen.

Der kapitalistischen Wachstumsmaschinerie ist die Tendenz zur Überakkumulation und Überproduktion inhärent. Das führt dazu, dass die Waren mittels einer mächtigen Marketingmaschinerie an die Leute gebracht werden müssen. Um diese mächtigen Logiken zu verändern, bedarf es einer konfliktfähigen Transformationslinken, die nicht nur besser zu verteilen weiß, sondern in die Art und Weise gesellschaftlicher Produktion einzugreifen in der Lage ist. Doch bei Eigentumsfragen geht es bekanntlich ans Eingemachte.

Damit sind wir an einem Punkt, der in der Debatte um Wachstum, Wachstumskritik und Alternativen kaum eine Rolle spielt: nämlich dem Zusammenhang von wirtschaftlichem Wachstum und kapitalistischer Herrschaft. Die Menschen hierzulande werden in der kapitalistischen Wachstumszange gehalten - bei Strafe des Verlusts ihrer Lebensgrundlage, der Erwerbsarbeit, mit der Angst vor Statusverlust. Und die immer noch hohen Wachstumsraten in Schwellenländern wie China basieren ja zentral darauf, dass Hunderte Millionen von Menschen in die kapitalistischen Arbeitsmärkte gezogen werden.

Das Kapital, um mit Marx zu sprechen, ist kein Akteur, sondern ein soziales Verhältnis, in dem die meisten Menschen wenig zu bestimmen und nichts als ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben. Für manche Lohnabhängige ist es attraktiver als für andere. Es bleibt aber ein herrschaftliches Verhältnis, dessen Ausgestaltung vor allem von jenen bestimmt wird, die über die Produktionsmittel verfügen.

Das ist der Kern eines linken Wohlstandbegriffs, der auf politische Gestaltung, ökologisch verträgliche Produktion und ein attraktives Leben für die Menschen setzt: Die instabilisierenden Formen des kapitalistischen Wachstums müssen zurückgedrängt werden.

Ein Wohlstandsbegriff, der nicht (grün-)konservativ Verzicht für die Massen predigt, sondern am Projekt der Verbesserung der Lebensverhältnisse in neuer Form festhält, stellt notwendig die Frage der Demokratie - Demokratie verstanden als Gestaltung und Verantwortung für die Gesellschaft, für den Umgang mit Natur, für die Zukunft; Demokratie als Form, um den zerstörerischen kapitalistischen Wachstumsimperativen und den sie stützenden Interessen Einhalt zu gebieten.

Das ist viel mehr als die Frage nach grünen Lebensstilen. Das ist die Frage nach der sozial-ökologischen Transformation des Kapitalismus - als weiter Horizont, als konkrete Programmatik, als zu verändernde Kräftekonstellation, als Vielheit bestehender, zu stärkender und zu beginnender Alternativen. Und damit als Projekt einer Transformationslinken, die aus der politischen Defensive herauskommt und sich einer solidarischen und gerechten, demokratischen und emanzipatorischen Zukunft annimmt.

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