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Wachstums-Debatte : Lest doch bitte euren Popper richtig

  • -Aktualisiert am

Vollziehen die Grünen nach dem Marsch durch die Institutionen nun den Marsch in die Öko-Diktatur? Die Teletubbies gehen schon mal voran. Bild: ddp images / Sipa

Ja, ich bin für Markt, Wachstum und Konsum. Was ist so schlimm daran? Wachstum hat das Leben angenehmer gemacht. Und die entdeckungsfreude des Marktes erlaubt doch erst den Fortschritt. Eine Antwort auf Reinhard Loske.

          7 Min.

          Ich schlage vor, dass wir zur Sachlichkeit zurückkehren: Reinhard Loske wirft mir in seinem Artikel „Wahrlich ein Denker unserer Zeit“ die Deformation des Liberalismus vor; ich reduzierte den Liberalismus auf eine pure Markt- und Wachstumsideologie. Loske „belegt“ seine Sicht mit einer Sammlung von Kurzzitaten, die er nebeneinanderstellt, ohne auf die zugrunde liegende Argumentation einzugehen. Dadurch entsteht das Bild einer aggressiven Verantwortungslosigkeit und mit ihm eine groteske Verzerrung jener Position, die viele Liberale und ich selbst in den aktuellen Debatten einnehmen.

          Grundlage dieser Position ist eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit: In einem Land mit stagnierender Bevölkerung entsteht Wirtschaftswachstum nurmehr durch die Umsetzung neuer Ideen in marktfähige Waren und Dienstleistungen. Es ist „schöpferische Zerstörung“, wie dies Joseph Schumpeter nannte - Altes verschwindet, Neues kommt. Der Wettbewerb sorgt für immer mehr, für vielfältigere und bessere Güter. Je weiter eine Volkswirtschaft entwickelt ist, umso mehr neigt sich dabei die Waage vom rein quantitativen zum qualitativen Wachstum.

          Vom Staat vorgegeben und durchgesetzt

          Geht es in bitterarmen Ländern der Welt vor allem noch um „mehr“ von allem, steht in Deutschland der Wandel technischer Charakteristika der Produktwelt im Vordergrund: Autos, Fernseher und Waschmaschinen verbessern sich, werden bedienungsfreundlicher und ökologischer; Personalcomputer, Smartphones und iPads erweitern die Welt der Kommunikation. Die Entdeckungsfreude des Marktes erlaubt erst den Fortschritt - auch in Form höherer Einkommen, die über höhere Steuereinnahmen die solide Finanzierung des Sozial- und Kulturstaats ermöglichen. Tatsächlich hat das Wachstum hierzulande das Leben der Menschen rundum angenehmer gemacht; und in der Weltwirtschaft hat es die globale Armut drastisch reduziert. Was ist daran schlecht?

          Karl-Heinz Paqué

          Die zentrale Antwort der Kritiker lautet: Der Ressourcenverbrauch und die Belastung des Planeten Erde sind daran schlecht. Sie fordern deshalb eine radikale Umlenkung der Marktprozesse und Marktergebnisse, massiv und schnell - hin zu einer Welt, in der übergeordnete ökologische Ziele vom Staat vorgegeben und deren Erreichen vom Staat auch konsequent durchgesetzt werden. Dagegen haben Liberale wie ich größte Bedenken. Diese beruhen auf einer philosophischen Grundhaltung, die am besten mit dem Kritischen Rationalismus in der Tradition von Karl Popper (1902 bis 1994) beschrieben werden kann.

          Ein unverbesserlicher Konsumfetischist?

          Popper wandte sich zeit seines langen Lebens wissenschaftstheoretisch gegen jede Form der Dogmatisierung und Immunisierung von Theorien. Stete Bereitschaft zur Falsifikation von Hypothesen durch Beobachtungen war sein Credo. Dem entsprach politisch sein leidenschaftliches Plädoyer für die offene Gesellschaft: die fortwährende Suche nach dem richtigen Ansatz, das Vortasten der Politik durch „Stückwerktechnologie“, also „trial and error“, das Optionen offenlässt und sich immerfort der jeweiligen Grenzen unseres Wissens bewusst ist. Und vor allem eines hat: Respekt vor den persönlichen Wünschen der Menschen, ihrem ureigenen Traum vom Glück. Popper warnte davor, die Bürger per Obrigkeitsstaat zu beglücken. Der Adressat der Warnungen waren seinerzeit Kommunismus und Planwirtschaft. Berühmt sein Satz: „Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“

          Heute ist der Adressat der Warnungen die grüne Vormundschaft über die Menschen. Diese ist zweifellos viel harmloser als die sozialistischen Großexperimente des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber das könnte sich ändern. Genau hier setzen viele Liberale (mich eingeschlossen) mit unserer Kritik an. Wir beobachten eine zunehmende Hybris der Gewissheit, die sich unter den Vertretern einer radikalen ökologischen Wende breitmacht. Man kann dies an den Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), aber auch an den Diskussionen in der gerade abgeschlossenen Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ festmachen.

          Loskes aufgeregte Stellungnahme zu meiner Position ist ein weiteres Indiz dafür: Wer auch nur den Hauch von Kritik und Zweifel an der Modellierung des Klimawandels äußert, gilt als Ewiggestriger; wer auf globaler Ebene pragmatisches Verhandeln und nicht einseitiges Vorpreschen Deutschlands empfiehlt, gilt als verantwortungsloser Bremser; und wer auf den fundamentalen Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Lenkung mit Nachdruck hinweist, gilt als unverbesserlicher Konsumfetischist ohne eine Ethik verbindlicher Gemeinschaftswerte.

          Mit kritischem Rationalismus hat das alles nichts zu tun

          Gerade in Deutschland sind die grünen Mahner gegenüber dem Klimawandel sehr intolerant, ungeduldig und hochfahrend geworden. Dies hat wissenschaftlich inakzeptable Folgen: Eine nüchterne Bestandsaufnahme der politischen Optionen ist nicht mehr wirklich erwünscht, denn sie könnte die lautstarken Forderungen nach dem sofortigen Beginn des radikalen Umsteuerns gefährden. Wir haben genug diskutiert, so lautet die Botschaft. Die Frage nach den Opportunitätskosten einer Politik, die klassische Domäne der Ökonomen, bleibt dabei unbeantwortet. Es gilt: schnellstmöglicher Abmarsch in Richtung „große Transformation“, koste es, was es wolle; denn wir wissen ganz sicher, dass wir das Richtige tun, um die drohende ökologische Katastrophe im 21. Jahrhundert zu verhindern. Mit kritischem Rationalismus hat dies alles nichts zu tun, wohl aber mit einem ideologischen Gefecht, das mit kompromissloser Entschlossenheit geführt wird.

          Stärker noch wiegen die politischen Folgen: Wer die drohende Katastrophe als so gut wie sicheres Szenario entwirft, wird schnell geneigt sein, auch weitreichende Eingriffe des Staates ohne viel Federlesen zu legitimieren. Der schnöde Konsum muss sich eben den übergeordneten Erfordernissen anpassen. Tatsächlich liegt hier der gefährlichste Teil der „großen Transformation“. Sie braucht den demokratischen Ritterschlag, also letztlich die Zustimmung des Volkes - und zwar nicht nur als Wähler, sondern auch als Verbraucher. Hier lauern enorme Gefahren. Beispiele liegen auf der Hand, so etwa die Diskussion um die sogenannten Rebound-Effekte bei Kraftfahrzeugen, die auch Loske erwähnt.

          Was, wenn die Menschen nicht wollen?

          Tatsächlich aber sind die Motoren unserer Automobile in den vergangenen letzten Jahrzehnten erheblich umweltfreundlicher geworden, vor allem durch weniger Kraftstoffverbrauch pro Leistungseinheit, fraglos eine beachtliche Leistung der Innovationskraft unserer Industrie. Dies hat aber noch nicht zu einer absoluten Senkung des Ausstoßes von Emissionen geführt, weil die Menschen tendenziell größere und stärkere Automobile kauften. Sie erwarben damit mehr Komfort und mehr Sicherheit für ihre Familien - und die Opferzahlen von Unfallstatistiken bestätigen, dass sie damit absolut richtig lagen. Ist das nun schnöder Konsum oder völlig vernünftiges, verantwortungsvolles Verhalten?

          Aus grüner Sicht ist es vor allem ein skandalöses Scheitern der Politik, weshalb dringend massive staatliche Lenkungen gefordert werden - zur Eindämmung des Rebound-Effekts. Aber wie könnten diese aussehen? Verbot des Baus oder Erwerbs großer Autos oder massive Besteuerung, bis sich nur noch wenige sehr Reiche große Autos leisten können? Da dies verteilungspolitisch unerwünscht ist, im nächsten Schritt eine drastische Reichensteuer? Oder gar eine Art Pranger für Menschen, die weiterhin große Autos fahren wollen?

          Ähnliche Fragen stellen sich im Bereich des Wohnungsbaus. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat in seinen Büchern überzeugend gezeigt, dass es technisch möglich ist, den Energieverbrauch drastisch zu senken - er sprach zuletzt vom „Faktor 5“, also einer Abnahme um achtzig Prozent. Voraussetzung ist allerdings nicht nur ein gigantisches Investitionsprogramm, sondern eben auch eine grundlegende Veränderung der Wohn- und Lebensgewohnheiten: vom Land zur Stadt, vom isolierten Häuschen im Grünen zur wärmenden Nachbarschaft der urbanen Ballung oder auch von der bürgerlichen Eleganz der Gründerzeitbauten in die Welt der Dämmstoffe. Dies ist alles physisch möglich, aber was macht man, wenn die Menschen dies nicht wollen, weil ihre Glücksvorstellungen andere sind?

          Die Freiheit wird Stück für Stück eingeengt

          Das systemische Problem ist offenkundig: Begibt sich der Staat einmal auf den Weg, auf die Konsumenten und Produzenten lenkend einzuwirken, dann entsteht eine Interventionsspirale, wie dies schon Ludwig von Mises (1881 bis 1973) genannt hat: Ein Teil der Menschen entwischt, der Staat zieht nach. Der Grund ist einfach: Weil das kollektive Ziel kompromisslos und unverrückbar bleibt, muss eben immer wieder „nachgebessert“ werden. Der Staat beginnt sich systematisch zu überfordern, die Freiheit wird Stück für Stück eingeengt. Und dies nicht nur bei der Wahl von Kraftfahrzeugen und im Wohnungsbau.

          Weitere Beispiele liegen auf der Hand, so etwa bei Umweltzertifikaten, deren marktwirtschaftlicher Preis als „zu niedrig“ angesehen wird; oder bei Biokraftstoff, dem die Menschen misstrauen - zu Recht, weil er wegen der Flächenkonkurrenz mit dem Anbau von Brotgetreide dem Klimaschutz eher schadet und zu Monokulturen in der Landwirtschaft führt.

          Die Menschen sollen denken: Verzicht ist gut

          Offenkundig ist dies ein gefährlicher Weg. Deshalb setzen die Befürworter der „großen Transformation“ rhetorisch nicht nur auf den Staat, sondern auch auf Erziehung und Aufklärung: Die Menschen sollen von sich aus zu der Überzeugung kommen, dass der Verzicht gut für sie ist. Tatsächlich betrachtet Loske genau diese Erkenntnis als eine Art höhere Form der Freiheit, die zu gewährleisten sei. Wie dies geschehen soll, lässt er offen, aus guten Gründen, denn dahinter lauert ethisch vermintes Terrain. Immerhin geht es nicht nur um eine allgemeine Erziehung zu verantwortlichem Handeln, wie sie ja selbstverständlich sein sollte. Es geht um härtere Erziehungsarbeit nach dem Motto: Du, lieber Konsument, musst lernen, nach den Maßgaben einer ökologisch orientierten Obrigkeit zu leben, und wenn du dies nicht tust, wirst du deiner Verantwortung als Mitglied der Gesellschaft nicht gerecht. Du wirst zum ökologischen Außenseiter. Willst du das wirklich?

          Für Liberale sind dies schauerliche Vorstellungen. Sie erinnern in fataler Weise an frühere Großexperimente der Volksbeglückung samt ihrer fürchterlichen Propaganda. Sie haben nicht das Geringste zu tun mit den großen liberalen Erziehungsidealen von Wilhelm von Humboldt und John Stuart Mill, die auf Ausbildung reifer, eigenverantwortlicher Persönlichkeiten zielten. Humboldt und Mill wollten gerade keine Anreizmaschinen heranzüchten, die auf staatliche Drohungen, Lenkungen und Anstöße (“nudges“) reagieren. Ist es nicht deshalb völlig verständlich, dass in der derzeitigen Diskussion Liberale vor einem solchen Weg warnen? Wir tun dies natürlich nicht, weil wir jedwede Regulierung des gesellschaftlichen Lebens ablehnen. Wir tun es, weil wir die Gefahren der Lenkung besonders deutlich erkennen, völlig gleichgültig, ob die Lenkung gesetzlich oder erzieherisch erfolgt. Das schließt eine pragmatische Politik zur Verbesserung der Umwelt und zum Klimaschutz überhaupt nicht aus, jedenfalls solange sie sich im Rahmen von Karl Poppers „Stückwerktechnologie“ bewegt, mit offenen Optionen sowie Möglichkeiten der Revision und Umkehr.

          Loske liegt also im Kernpunkt falsch: Starre Ideologie findet sich heute nicht bei denen, die für Marktwirtschaft plädieren, sondern bei jenen, die eine „große Transformation“ um jeden Preis durchsetzen wollen. Die Frontlinie zwischen liberalem und grünem Denken liegt bei der Frage der staatlichen Vormundschaft, und da wird sie wahrscheinlich für einige Jahre bleiben. Es könnte, wenn wir sachlich bleiben, durchaus eine wichtige, fruchtbare sozialphilosophische Diskussion werden, und zwar weit über die Fragen des Wachstums und der Klimapolitik hinaus.

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