https://www.faz.net/-gqz-79wk7

Wachstums-Debatte : Lest doch bitte euren Popper richtig

  • -Aktualisiert am

Heute ist der Adressat der Warnungen die grüne Vormundschaft über die Menschen. Diese ist zweifellos viel harmloser als die sozialistischen Großexperimente des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber das könnte sich ändern. Genau hier setzen viele Liberale (mich eingeschlossen) mit unserer Kritik an. Wir beobachten eine zunehmende Hybris der Gewissheit, die sich unter den Vertretern einer radikalen ökologischen Wende breitmacht. Man kann dies an den Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), aber auch an den Diskussionen in der gerade abgeschlossenen Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ festmachen.

Loskes aufgeregte Stellungnahme zu meiner Position ist ein weiteres Indiz dafür: Wer auch nur den Hauch von Kritik und Zweifel an der Modellierung des Klimawandels äußert, gilt als Ewiggestriger; wer auf globaler Ebene pragmatisches Verhandeln und nicht einseitiges Vorpreschen Deutschlands empfiehlt, gilt als verantwortungsloser Bremser; und wer auf den fundamentalen Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Lenkung mit Nachdruck hinweist, gilt als unverbesserlicher Konsumfetischist ohne eine Ethik verbindlicher Gemeinschaftswerte.

Mit kritischem Rationalismus hat das alles nichts zu tun

Gerade in Deutschland sind die grünen Mahner gegenüber dem Klimawandel sehr intolerant, ungeduldig und hochfahrend geworden. Dies hat wissenschaftlich inakzeptable Folgen: Eine nüchterne Bestandsaufnahme der politischen Optionen ist nicht mehr wirklich erwünscht, denn sie könnte die lautstarken Forderungen nach dem sofortigen Beginn des radikalen Umsteuerns gefährden. Wir haben genug diskutiert, so lautet die Botschaft. Die Frage nach den Opportunitätskosten einer Politik, die klassische Domäne der Ökonomen, bleibt dabei unbeantwortet. Es gilt: schnellstmöglicher Abmarsch in Richtung „große Transformation“, koste es, was es wolle; denn wir wissen ganz sicher, dass wir das Richtige tun, um die drohende ökologische Katastrophe im 21. Jahrhundert zu verhindern. Mit kritischem Rationalismus hat dies alles nichts zu tun, wohl aber mit einem ideologischen Gefecht, das mit kompromissloser Entschlossenheit geführt wird.

Stärker noch wiegen die politischen Folgen: Wer die drohende Katastrophe als so gut wie sicheres Szenario entwirft, wird schnell geneigt sein, auch weitreichende Eingriffe des Staates ohne viel Federlesen zu legitimieren. Der schnöde Konsum muss sich eben den übergeordneten Erfordernissen anpassen. Tatsächlich liegt hier der gefährlichste Teil der „großen Transformation“. Sie braucht den demokratischen Ritterschlag, also letztlich die Zustimmung des Volkes - und zwar nicht nur als Wähler, sondern auch als Verbraucher. Hier lauern enorme Gefahren. Beispiele liegen auf der Hand, so etwa die Diskussion um die sogenannten Rebound-Effekte bei Kraftfahrzeugen, die auch Loske erwähnt.

Weitere Themen

„It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

Trailer : „It Must Be Heaven“

„It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

Mehr Freiraum!

FAZ Plus Artikel: 70 Jahre Grundgesetz : Mehr Freiraum!

Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen. Ein Gastbeitrag.

„All my Loving“ Video-Seite öffnen

Trailer : „All my Loving“

„All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

Topmeldungen

Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.
Klimastreik in Turin.

Klimanotstand : Höllisch, wie das jetzt knallt

Klimawandel war gestern, heute ist Notstand. Den haben wir zwar nicht den Jungen zu verdanken, aber die schlachten ihn jetzt schwungvoll aus und drängen die Politik in die Ecke. Eine Glosse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.