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Wachstums-Debatte : Lest doch bitte euren Popper richtig

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Heute ist der Adressat der Warnungen die grüne Vormundschaft über die Menschen. Diese ist zweifellos viel harmloser als die sozialistischen Großexperimente des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber das könnte sich ändern. Genau hier setzen viele Liberale (mich eingeschlossen) mit unserer Kritik an. Wir beobachten eine zunehmende Hybris der Gewissheit, die sich unter den Vertretern einer radikalen ökologischen Wende breitmacht. Man kann dies an den Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), aber auch an den Diskussionen in der gerade abgeschlossenen Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ festmachen.

Loskes aufgeregte Stellungnahme zu meiner Position ist ein weiteres Indiz dafür: Wer auch nur den Hauch von Kritik und Zweifel an der Modellierung des Klimawandels äußert, gilt als Ewiggestriger; wer auf globaler Ebene pragmatisches Verhandeln und nicht einseitiges Vorpreschen Deutschlands empfiehlt, gilt als verantwortungsloser Bremser; und wer auf den fundamentalen Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Lenkung mit Nachdruck hinweist, gilt als unverbesserlicher Konsumfetischist ohne eine Ethik verbindlicher Gemeinschaftswerte.

Mit kritischem Rationalismus hat das alles nichts zu tun

Gerade in Deutschland sind die grünen Mahner gegenüber dem Klimawandel sehr intolerant, ungeduldig und hochfahrend geworden. Dies hat wissenschaftlich inakzeptable Folgen: Eine nüchterne Bestandsaufnahme der politischen Optionen ist nicht mehr wirklich erwünscht, denn sie könnte die lautstarken Forderungen nach dem sofortigen Beginn des radikalen Umsteuerns gefährden. Wir haben genug diskutiert, so lautet die Botschaft. Die Frage nach den Opportunitätskosten einer Politik, die klassische Domäne der Ökonomen, bleibt dabei unbeantwortet. Es gilt: schnellstmöglicher Abmarsch in Richtung „große Transformation“, koste es, was es wolle; denn wir wissen ganz sicher, dass wir das Richtige tun, um die drohende ökologische Katastrophe im 21. Jahrhundert zu verhindern. Mit kritischem Rationalismus hat dies alles nichts zu tun, wohl aber mit einem ideologischen Gefecht, das mit kompromissloser Entschlossenheit geführt wird.

Stärker noch wiegen die politischen Folgen: Wer die drohende Katastrophe als so gut wie sicheres Szenario entwirft, wird schnell geneigt sein, auch weitreichende Eingriffe des Staates ohne viel Federlesen zu legitimieren. Der schnöde Konsum muss sich eben den übergeordneten Erfordernissen anpassen. Tatsächlich liegt hier der gefährlichste Teil der „großen Transformation“. Sie braucht den demokratischen Ritterschlag, also letztlich die Zustimmung des Volkes - und zwar nicht nur als Wähler, sondern auch als Verbraucher. Hier lauern enorme Gefahren. Beispiele liegen auf der Hand, so etwa die Diskussion um die sogenannten Rebound-Effekte bei Kraftfahrzeugen, die auch Loske erwähnt.

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