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Vorwürfe gegen Kevin Spacey : Ein Mann wird gelöscht

Ein Schauspieler hat eben, zumal im Kino, wo Präsenz und Körperlichkeit viel mehr zählen als Mimikry und Verstellungskunst, nur seinen Körper und sein Gesicht, seine Stimme, seine Blicke und Gesten als Material seiner Kunst, mit all den Spuren, die gelebtes Leben da hineingezeichnet haben. Und das Publikum, das im dunklen Kinosaal sitzt oder sich tage- und wochenlang auf eine Fernsehserie einlässt, betrachtet nicht aus der Distanz eine künstlerische Leistung und gibt danach ein abgewogenes Urteil ab. Es will involviert und verführt werden, es spielt das Spiel von Begehren und Identifikation, es langweilt sich, wenn es sich den Menschen auf der Leinwand (oder dem Bildschirm) nicht hingeben und ausliefern kann mit seinen Gefühlen. Es ist nur logisch, wenn Spaceys Publikum jetzt erschrocken und entsetzt ist, wenn die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, sich diesem Mann nicht mehr ausliefern wollen. Es ist sogar verständlich, wenn sie sich um ihre Gefühle betrogen sehen.

Denn wer sich auf Spacey eingelassen hat, auf den Mann und seine Rollen, wer sich verführen ließ, ihn auch da zu mögen, wo er die Schurken, die Zyniker, die Bösen spielte, wer sich in einer Szene identifizierte und in der nächsten über diese Identifikation erschrak: Den hat Kevin Spacey, mit einer Intensität, über die nicht viele Schauspieler verfügen, emotional aufgewühlt und durchgeschüttelt. Und moralisch herausgefordert.

Die ewige Vernichtung

Noch wissen wir nicht genau, was Kevin Spacey jungen Männern angetan hat. Vieles klingt unschön, unangenehm, nervig, lästig, nicht aber kriminell. Und jenen 19-Jährigen, dessen Mutter jetzt beklagt, dass Spacey ihn betrunken gemacht habe, in einer Bar, in der noch andere Menschen waren: Den möchte man schon gern fragen, wie alt ein Mann werden muss, bis er einen Drink auch ohne Mamas Hilfe ablehnen kann. Aber allein die Geschichte, die Anthony Rapp erzählt, ist, wenn sie stimmt, wofür wohl vieles spricht, schlimm genug, dass Spacey dafür büßen soll.

Wir wissen aber ganz gut, was Spacey mit uns, den Zuschauern gemacht hat. Das war zu gut, als dass man ihm jetzt die totale Auslöschung, die ewige Vernichtung wünschen möchte.

Die Leute aber, die Spacey die Rolle des J. Paul Getty in „Alles Geld der Welt“ gegeben haben, die wussten, wenn sie nicht die perfekten Deppen sind oder blind, taub und viel zu ahnungslos für ihren Job, ganz genau, wen sie da engagierten. Sie sollten die Konsequenzen ihres Handelns tragen. Und den Film mit Spacey herausbringen. Der potentielle Flop wäre noch eine sehr milde Strafe für jahrelanges Augen- und Ohrenzuhalten.

Natürlich wird es anders kommen. Wenn es einer schaffen kann, in ein paar Tagen einen Film so zu überarbeiten, dass es aussieht, als wäre Christopher Plummer von Anfang an dabei gewesen, dann ist das Ridley Scott (der, als während der Dreharbeiten zum „Gladiator“ Oliver Reed starb, schon mal eine ähnliche Leistung erbrachte). Die Fachzeitschrift „Variety“, die meistens sehr gut informiert ist und immer kompetent, sagt jetzt schon voraus, dass Ridley Scott für diesen Film den Regie-Oscar gewinnen wird.

Was nur realistisch klingt.

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