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Vorurteilsforschung : Isch weiß wo dein Haus wohnt

Sie handeln in ihren Liedern von Vorurteilen: Die Rapper Bushido und Fler in Uli Edels Film „Zeiten ändern sich” Bild: picture alliance / dpa

Begehen Ausländer wirklich mehr Straftaten als Deutsche? Die empirische Sozialforschung sucht auf diese und ähnliche Fragen Antworten - und ist dabei selbst voller Vorurteile.

          Die Vorurteilsforschung kennt zwei einander entgegengesetzte Hypothesen, was Vorurteile gegen Ausländer angeht. Das führt die gerade publizierte Studie einer Bochumer Soziologin aus, die beide Thesen anhand von Antworten aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) überprüft hat (Cornelia Weins, „Gruppenbedrohung oder Kontakt? Ausländeranteile, Arbeitslosigkeit und Vorurteile in Deutschland“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 63, Heft 3, September 2011).

          Der einen Hypothese zufolge entstehen Vorurteile aufgrund von Konkurrenz. Je größer eine Minderheit sei und je angespannter die Lage auf dem Arbeitsmarkt, desto mehr fürchte sich die Mehrheit vor ihr und dem Verlust eigener Vorteile. Auf die Annahme einer kollektiven Bedrohung reagiere sie mit ablehnenden Meinungen.

          Hier darf man schon ein erstes Vorurteil der Vorurteilsforschung festhalten. Vorurteile sind für sie negative Vorurteile. Die Liste der Fragen, mit denen sie erhoben werden, enthält keine Einträge wie „Migranten sind strebsam“, „Italiener sind lebenslustig“, „Muslime sind besonders gläubig“ oder „Kopftücher sollten besser Schamtücher heißen, denn sie versuchen, Frauen vor Zudringlichkeit zu schützen“ und dergleichen. Nicht einmal innerhalb der offenbar vorurteilsbeladenen Kreise wird überprüft, wie ihr sonstiger Meinungsvorrat ist, was nationale Stereotypen oder allgemeinen Unfug angeht.

          Alles nur Stereotype: Italiener sind lebenslustig - und Libyer?

          Was es heißt, Fremder zu sein

          Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sieht, wie Vorurteile festgestellt werden. Die ALLBUS konfrontiert ihre Befragten mit Aussagen wie diesen: „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken.“ Das ist nun gewiss kein Vorurteil, sondern eine törichte, von Rechtskenntnissen und solchen der Wirtschaft freie politische Meinung. Oder: „Durch die vielen Ausländer in Deutschland fühlt man sich zunehmend als Fremder im eigenen Land.“ Wer das bejaht, weiß nicht, was es heißt, ein Fremder zu sein, aber ein Vorurteil lässt sich dem nur sehr implizit entnehmen.

          Schon eher diesem: „Sie begehen häufiger Straftaten als die Deutschen.“ Wie viele Tests der sogenannten empirischen Sozialforschung, die Antworten erhebt und nicht soziale Tatsachen, ist auch dies ein Intelligenztest. Denn selbstverständlich haben nicht Ausländer höhere Kriminalitätsraten, sondern allenfalls bestimmte Alterskohorten mit bestimmter Herkunft. Und es ist auch nicht die allgemeine Delinquenz, die dann auffällig ist, sondern nur die bei bestimmten Delikttypen. Wobei jedes dieser Urteile wiederum forschungsabhängig und umstritten ist, weshalb man leicht dazu kommen könnte, dass jedwede Aussage zu diesem Thema vorurteilshaft ist. Die Frage wäre dann, ob man ohne Vorurteile Meinungen bilden kann, sofern man überhaupt Meinungen bilden möchte. Anders formuliert: Wäre erst ein Sozialwissenschaftler vorurteilsfrei?

          Vorurteile über Norweger gibt es hierzulande nicht

          Das soll nicht hartnäckige und dumme Stereotype rechtfertigen. Aber eine Vorurteilsforschung, die besondere Erklärungen für ihre dergestalt erhobene Empirie bereithält, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie die Tatsache abenteuerlicher Urteile nicht „exotisiert“, indem sie eine spezielle Sorte davon herausgreift und als besonders erklärungsbedürftig behandelt. Man könnte die Leute mal fragen, was sie über Banken, den Zweiten Weltkrieg, Schullehrer oder Vitamine denken, und würde sich nicht mehr wundern, dass sie auch bei Ausländern recht meinungsfreudig sind.

          Interessant wäre überdies eine Vorurteilsforschung, die im Rahmen der „Gruppenbedrohungstheorie“ des ethnischen Wettbewerbs fragen würde, wie es denn auf der Seite der Minderheit aussieht. Soll man sich wirklich vorstellen, dass Vorurteile nur in Mehrheiten herrschen?

          Die andere Hypothese der Vorurteilsforschung, so Cornelia Weins, ist die Kontakthypothese. Ihr zufolge nehmen Vorurteile durch Kontakte zwischen denen, die sie haben und denen, die von ihnen betroffen sind, ab. Reisen ist völkerverbindend, was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, wir sind doch alle nur Menschen - das sind die Sprichwörter, die für diese Hypothese stehen. Das Vorurteil kommt aus Unkenntnis. Dazu passt es, wenn besonders aggressive Meinungen über Ausländer - genauer: über bestimmte Arten von Ausländern, denn Vorurteile über Norweger sind hierzulande gar nicht so verbreitet, dafür aber in Schweden - in Regionen erhoben werden, in denen die Betreffenden kaum anzufinden sind.

          Innerethnische Eigenwelten

          Das bestätigten auch die Berechnungen der Bochumer Soziologin. Die Vorurteile nahmen mit dem Alter zu, mit dem Bildungsgrad ab, waren vom Geschlecht der Befragten unabhängig und im Osten des Landes - wo es weniger Migranten gibt - stärker als im Westen. Die Arbeitslosenquote spielte dabei kaum eine Rolle. Der Zusammenhang zwischen Ausländeranteil - betrachtet wurden die „Nicht-EU-Ausländer“ - und Vorurteilen war nicht linear: Bei größer werdendem Ausländeranteil nimmt das Ausmaß der Vorurteile zunächst ab, um dann bei knapp neun Prozent anzusteigen. Mit zunehmendem Ausländeranteil steigt auch der Umfang der Kontakte von Migranten zur Mehrheit zunächst, um ab einer Gruppengröße, die innerethnische Eigenwelten erlaubt, wieder zu sinken.

          Die Gruppengröße scheint also weniger über Bedrohung zu Vorurteilen zu führen, als über ihren Einfluss auf die Kontaktwahrscheinlichkeiten. Vorausgesetzt, wie gesagt, man nimmt die Merkwürdigkeiten der Vorurteilsforschung überhaupt in Kauf.

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