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Geschmacksvorlieben : Wein statt Bier, da graust es mir

Alles durcheinander: Nicht mal auf seine eigene Vorliebe für Bier kann man sich noch verlassen. Bild: Frank Röth

Schicksalsjahr 2016: Selbst die jahrzehntealte Vorliebe für Bier gerät plötzlich ins Wanken. Und dann droht auch noch der Jahreswechsel mit Champagner. Was jetzt?

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          Seit mehr als zwei Wochen schmeckt das Bier nicht mehr. Keine Lust, kein Durst, nur Ratlosigkeit: Liegt es an der Erkältung (die harmlos ist), an den Tabletten dagegen (die nicht stark sind)? Am Älterwerden wird es wohl nicht liegen: Ein starker Mann, sagt man in Bayern, verträgt das Bier noch im hohen Alter. Ein schwacher Mann wird stark vom Bier. Es war ein übler Abend, als es anfing, das erste Bier war schnell und ohne großes Nachdenken getrunken, der gröbste Durst war gelöscht. Also das zweite aufgemacht, wie immer. Eingeschenkt, das Glas zum Mund geführt, wieder abgestellt. Es roch säuerlich, bitter, absolut unappetitlich. Dann doch einen Schluck genommen: widerlich. Genau das Gefühl, das man in der Kindheit hatte, wenn einen die Eltern mal probieren ließen: abscheuliches Gesöff, was finden die Erwachsenen nur daran?

          Die Frau bot Wein an, der eh zum Essen besser passte, einen schlanken, eleganten Rotwein. Aha. Erste Krise. Biertrinker finden einen Wein nicht schlank und elegant, sie trinken ihn zum Essen, aus Höflichkeit. Und spülen danach das pelzige Rotweingefühl mit ein, zwei Bieren aus dem Mund. Es gab als Nachspeise einen Mandelkuchen, dazu einen süßen Dessertwein, das schmeckte nicht nur herrlich, es löste auch das Bedürfnis aus, über die Getränke zu sprechen. Der Jahrgang des Rotweins, die Herkunft des Dessertweins, die Frage, wann die Vorräte wieder aufgefüllt werden müssten. Nächste Krise: Biertrinker sprechen nicht übers Bier; wenn sie nicht schweigen, dann spricht das Bier aus ihnen. Auf dem Bier herumzukauen, es von einem Mundwinkel in den anderen zu spülen und dann zu fragen, ob dieser Hopfen ein ganz besonderer Jahrgang war: undenkbar, schon weil es so unmännlich wirkte. Deswegen können überzeugte Biertrinker auch mit dem sogenannten Craft Beer wenig anfangen: Das ist ja fast, wie Wein zu trinken: den Geschmacksnoten hinterherschmecken, die Herkunft der Zutaten bestimmen. Deswegen trinkt man ja keinen Wein.

          Bayerisches Bier schmeckt süßlich und eigentlich nur vom Fass, böhmisches ist aus der Flasche besser: Mehr braucht man nicht zu wissen übers Bier. Den Rest schmeckt man, und wer übers Bier nachdenkt wie über einen Wein, der hat das Wesen des Biers nicht begriffen. Bier hilft beim Nachdenken über alles andere: Es ist für den Geist des deutschen Mannes, was der Zaubertrank für den Körper von Asterix ist. Wie soll es jetzt also weitergehen: leben ohne Bier, denken ohne Bier? Von der Gewichtsabnahme ganz zu schweigen: Man gehört, so als Schreiber, ja zum eher nervösen Menschenschlag; man setzt so leicht kein Fett an. Umso wichtiger sind deshalb ein kleines zum Mittagessen und drei richtige Biere am Abend: Damit man, geistig und auch körperlich, sein Gewicht hält. Schon droht der Jahreswechsel, wenn es auch noch Champagner gibt, ein Getränk, das Biertrinker erst recht nicht verstehen. Der Ekel muss also überwunden werden. Nase zuhalten, Bier trinken, und dann noch eins und noch eins.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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