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Vorfahren der Blogger : Durchgehend warme Gerüchteküche

Erst redete sie sich um Kopf und Kragen, dann geriet sie ins Visier der Blogger: Die frühere „Miss California“ Carrie Prejean Bild: BULLS / Famepictures

Verleumdet wird immer: Der Harvard-Historiker Robert Darnton vergleicht die Blogger des achtzehnten Jahrhunderts mit denen der Gegenwart.

          3 Min.

          Das Gefühl, inmitten einer Revolution zu leben, ist nicht gemütlich: „Information prasselt in kleinen Kügelchen auf uns nieder, wie Regen auf die Windschutzscheibe eines Autos. Wir sehen nicht klar.“ - So sprach Robert Darnton auf Schloss Friedenstein, während draußen der Nebel die Sichtweite noch mehr begrenzte. Sein Vortrag war „Blogging. Now and Then (250 years ago)“ überschrieben, und sogleich keimte die Hoffnung, der berühmte Historiker würde an diesem Abend als Scheibenwischer fungieren. Das Forschungszentrum Gotha für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien hatte zu einer Tagung über „Klandestine Literatur. Erfurter Autoren und Verlage im Zeitalter der Französischen Revolution (1780 bis 1806)“ geladen und als Festredner den Leiter der Harvard-Universitätsbibliothek gewonnen - auch wenn sein Vortrag, wie er einräumte, mit dem Tagungsthema nur am Rande zu tun hatte.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Darnton ging es um das Geschäft des professionellen Gerüchteverbreitens, zunächst in der zeitgenössischen Form des Blogs. Internetseiten wie der „Drudge Report„ oder die „Huffington Post„, die „schändliche Informationen über Figuren der Öffentlichkeit„ verbreiteten, seien einerseits ihres Erfolges wegen empörend, andererseits verrieten sie eine Menge über den Zustand der Medien. Ein Zustand, den der Historiker als keineswegs neu kennzeichnete. Schon Stendhal habe darauf hingewiesen, die „ancedote“ - damals allerdings nicht im heutigen Wortsinn gebraucht - zeige die wahre Lage des Landes. Noch viel früher aber sei die „Anekdotomanie“ in Italien ausgebrochen, wo seit fünfhundert Jahren die antike Statue namens Pasquino auf der römischen Piazza Navona dazu dient, Gerüchte in Zettelform zu verbreiten. Die anonymen Spottverse richteten sich damals gegen den Klerus und die Borgias. Pietro Aretino, den Darnton als „Urgroßvater des Gerüchtehandels“ beschrieb, habe mit seinen Sonetten „Kardinäle gekillt“.

          Die Kunst des Historikers sei es, so Darnton mit einem Augenzwinkern, die Gegenwart wie Vergangenheit aussehen zu lassen. So bietet sich für ihn der Vergleich des achtzehnten Jahrhunderts, welches das Aufkommen des Pressewesens erlebte, mit der nachrichtenüberfluteten Gegenwart an. Auch wenn der Vergleich mit zeitgenössischen Blogs ein wenig hinke - ganz in die Irre gehe er nicht. Die Technik der Verleumdung sei damals wie heute die gleiche. Als Beispiel nannte Darnton die Celebrity-Homepage www.superficial.com, auf welcher in einem Kommentar dazu aufgefordert wird, die ehemalige „Miss California“ Carrie Prejean und ihren Lebensgefährten zu verbrennen („Burn Them!“), weil sie „in Sünde“ lebten. Weniger martialisch, aber durchtrieben genug habe man im achtzehnten Jahrhundert in einer französischen Zeitung lesen können, ein namentlich genannter, frisch vermählter Offizier habe sechs Kadetten rekrutiert, um die sexuelle Befriedigung seiner jungen Ehefrau sicherstellen zu können.

          Am niederträchtigsten aber sei stets die englische Presse gewesen, weil dort, anders als in Frankreich, keine Zensur geübt wurde. Perfekte Gerüchteschmiede sind im Vereinigten Königreich ungute Tradition, wie der aktuelle Abhörskandal zeigt. Im achtzehnten Jahrhundert gab es in London mehr Tageszeitungen als in der Gegenwart; sie waren so umbrochen, dass dem heutigen Leser bleischwarz vor Augen würde. Seitenlange Spalten, in denen sich Kurztext an Kurztext reihte, ohne erkennbare Gewichtung, ohne Bebilderung und ohne Artikel, wie wir sie kennen.

          Der Parlamentsbericht kam erst in den siebziger Jahren auf; auch wurde nicht zwischen Werbung und redaktionellem Beitrag unterschieden. „Die Information kam in einem Meer des Gedrucktem in Fragmenten daher„, befand Darnton. So wie sie von Zuträgern an öffentlichen Plätzen aufgeschnappt und dann in Kurzform aufgeschrieben wurde. Man bot „freshest advice“, und das meinte vor allem eine radikale Unverblümtheit. Dazu zählte allerdings im Gegenzug, sich als Autor mit den Opfern der Schmutzkampagne persönlich am Hyde Park Corner zu duellieren.

          In Frankreich dagegen wurden die Schlachten weniger öffentlich geschlagen, aber nicht minder heftig, was mit dem bereits erwähnten Bedeutungswandel des Wortes „anecdote“ zu tun hat, der einer Bedeutungsumkehr gleichkommt: Die „anecdote“ bezeichnet etwas Wahres, das unterdrückt wird, einen politischen Sachverhalt, der geheim und im Bereich des Herrschaftswissens bleiben soll. Wer Aufklärung versprach, konnte mit Lesern rechnen: Enthüllungen über das Privatleben von Königen und anderen Zelebritäten hatten Hochkonjunktur, so auch die Lebensbeschreibung des mit Mätressen bekränzten Königs Ludwig XV. Solche Biographien stammten stets von anonymen Autoren, die vorgaben, Historiker zu sein. Die Bücher erlebten Rekordauflagen; dass ihre Verfasser hemmungslos kompilierten, was an Gerüchteschnipseln in der Welt beziehungsweise schon in Druck war, störte niemanden. Robert Darnton illustrierte die These mit Statistiken, die den Anteil der wörtlich kopierten Passagen zeigten - die Ähnlichkeit mit dem Internetprojekt GuttenPlag ist verblüffend.

          Gut würzen, kräftig umrühren: „Was wie ein Buch aussah, war nur ein Mosaik. Man kann es nicht einmal Plagiat nennen“, sagte Darnton und ging so weit, nach Walter Benjamin und Roland Barthes, das Fragment zum „wichtigsten Element der Literaturgeschichte“ zu ernennen. Aber Vorsicht vor Kurzschlüssen sei doch geboten. So ähnlich sich Gerüchteschnipsel und Blogs in ihrer Fragmentiertheit seien, umso deutlicher trete auch ihre Differenz hervor. Und die drücke sich hauptsächlich im veränderten Umfeld aus. Inmitten des prasselnden Informationsregens unserer Tage kein allzu ermutigender Befund.

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