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Vorbild „Vice-Magazin“ : Die Ironie macht alle gleich

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Fühlen sich auch ganz lässig: Die kanadischen Vice-Herausgeber von 2010 (Suroosh Alvi, Eddy Moretti, Hosi Simon, v.l.n.r.) Bild: Brayden Olsen

Das Magazin „Vice“ berichtet über Greueltaten in Syrien wie über die Folgen einer Alkohol-Diät – immer in demselben Duktus. Daran nimmt sich die hiesige Bloggerszene ein Beispiel. Muss das sein?

          Vor schwarzem Tuch mit weißen arabischen Schriftzeichen lehnt ein hölzernes Kreuz, daran die Leiche eines Mannes, die Augen von einer Binde verdeckt, die Glieder verrenkt. Im Halbkreis umstehen ihn junge Männer mit Smartphones. Davor hat man, vom Rücksitz eines fahrenden Autos aus gefilmt, das Profil eines Mannes mit tarnfarbener Schirmmütze und Sonnenbrille gesehen. Er sagte dem Reporter auf Arabisch, dass niemand mehr von Muslimen zu stehlen wagen werde, wenn die Strafe das Abhacken der Hände sei.

          Die Aufnahmen stammen aus der von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) kontrollierten syrischen Stadt Raqqa. Der britische Journalist, dem es gelungen ist, sich in das neu ausgerufene „Kalifat“ zu begeben und sich von den Terroristen die Logik ihres Regimes erklären zu lassen, heißt Medyan Dairieh. Veröffentlicht hat er seine fünfteilige Reportage im OnlineMagazin „Vice“.

          Die Dokumentation hat, natürlich, für Kontroversen gesorgt. Der Mann, der dem Journalisten im Auto den vermeintlichen Nutzen der Scharia darlegt, ist der Pressesprecher der Terrororganisation, die sich, das ist ihm wichtig, als Staat unter der Herrschaft von Abu Bakr al Bagdadi versteht. „Eingebetteter Journalismus“ unter diesen Vorzeichen bedeutet: Der Reporter riskiert sein Leben – und muss sich den Bedingungen seiner Gastgeber fügen, die zeigen, was sie gezeigt wissen wollen: die Ermordeten, die rollenden Köpfe, den von Hass verzogenen Mund eines Kindes, das den „Ungläubigen“ Selbstmordanschläge verspricht.

          Trash mit Ausnahmen

          Die Video-Dokumentation hat auch dazu geführt, dass wieder einmal der Stil des „Vice“-Magazins diskutiert wird. „Vice“ wurde in den frühen neunziger Jahren von drei arbeitslosen jungen Männern im kanadischen Montreal gegründet, als flippiges Gratismagazin. Noch heute liegt es kostenlos in Bars und Plattenläden aus, und das in mehr als dreißig Ländern. Aber „Vice“ ist längst mehr: ein Medienimperium, das eigene Videoreportagen produziert, die unter anderem das ZDF kauft. Es gibt sogar ein „Vice“-Plattenlabel.

          Die Welt von „Vice“ ist eine der Drogen, der Körperflüssigkeiten, der Inszenierung von Gewalt und Absurditäten. Aber nicht nur. „Vice“ beschäftigt sich mit der Frage, welches Bundesland im Falle einer Zombie-Attacke zuerst zugrunde ginge – und bringt eine investigative Video-Reportage über die Rückeroberung ostukrainischer Städte durch die ukrainische Armee.

          Die Überschrift des Artikels, den man derzeit unter der Reportage über den „Islamischen Staat“ aufrufen kann, lautet: „Es gibt wahrscheinlich keine verrücktere Droge als DMT“. Aber „Vice“-Reportern gelingt es auch, sich mit einer Handkamera nach Nordkorea einzuschleusen. Die Aufnahmen scheinen indes nur vermitteln zu wollen, wie irre langweilig die leeren Straßen des abgeschotteten Landes sind.

          Zwischen Dauerlangeweile und permanenter Erregung

          Typisch ist die eklatante Dissonanz der Themen. Das Magazin hat keine Endredaktion, die Artikel der deutschen Ausgabe klingen meist, als seien sie eilig aus dem Englischen übersetzt. Die Plattform vermittelt dem Leser und Zuschauer den Eindruck, dass die Welt von Idioten und Freaks wimmelt, wobei sie keinen grundsätzlichen Unterschied macht zwischen Vergewaltigern in einem bolivianischen Urwalddorf und den extrem unangenehmen Erfahrungen, die man im Laufe einer einwöchigen Alkoholdiät macht.

          „Vice“ berichtet über den „Happy Holocaust Grill“ im Hinterhof der NPD-Parteizentrale im mecklenburgischen Dorf Jamel und über das Kalifat in Syrien. Das hat durchaus aufklärerischen Wert, und was Dairieh unter Einsatz seines Lebens ans Licht des Öffentlichkeit bringt, ist wertvoll und entsetzlich.

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