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Vor der Wahl : Berlin und das Feuer

Die Dächer von Neukölln Bild: Jens Gyarmaty

Während die Weltwirtschaft bebt, erlebt die deutsche Hauptstadt einen Wahlkampf ohne Kampf und ohne Politik. Der Bürgermeister wirft Wowibären, Renate Künast schwächelt im Maritim-Hotel und auch Frank Henkel verbreitet eine Atmosphäre von Altweibersommer.

          Mittwochnacht ist der Hubschrauber wieder da. Er steht irgendwo über dem Kollwitzplatz, Schönhauser Allee, zieht dann südwestlich seine Kreise, aber man kann das nur ungefähr sagen, es ist dunkel über den Hinterhöfen, auf die tagsüber endlich mal wieder etwas länger die Sonne geschienen hat, und das Schrauben und Dröhnen in der Luft fühlt sich eher wie eine Decke an, die sich über die Viertel Berlins legt, wo Prenzlauer Berg und Mitte aneinanderstoßen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im Halbschlaf steht man auf seinem Balkon und weiß, dass der Pilot dort oben theoretisch jetzt sehen könnte, wie man da steht und nach oben schaut, denn er hat eine Wärmebildkamera. Und man denkt - weil es so unwirklich ist, in eine polizeiliche Ermittlung zu geraten, und das auch noch in kurzen Hosen - an Hubschrauberfilme. Es gibt ja sonst keine Referenzen, wer wird schon von Hubschraubern verfolgt? Dann fallen einem die ersten Minuten von Robert Altmans „Short Cuts“ ein, wo große, gemeine, laute Hubschrauber über Los Angeles ausschwärmen und ein Insektizid versprühen, das sich, wieder wie eine Decke, über eine Stadt legt, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie langsam paranoid wird oder doch lieber weiter schlafwandelt wie bisher.

          Klingt das nach Berlin? Das Schrauben und Dröhnen in der Luft klingt jedenfalls im Augenblick nach Berlin, Spätsommer, Wahlkampfsommer 2011.

          Was hat das mit Politik zu tun?

          Am Morgen nach dem Hubschrauber meldet die Berliner Polizei, neun Autos hätten in den Nachtstunden zuvor gebrannt, in Charlottenburg, in Tiergarten und in Lichtenberg. Diese Autos, etwa 300 sollen es in diesem Jahr schon sein, brennen sich inzwischen auch in den Berliner Wahlkampf ein, brennen das nächste Loch in einen Wahlkampf aus lauter Löchern: Denn dass die Parteien, die um die Macht in der Hauptstadt kämpfen, bislang kein richtiges Thema gefunden hätten, wie es anderswo ein unterirdischer Bahnhof oder Atomkraftwerke gewesen sind, darüber sind sich alle Zeitungen einig.

          Und jetzt bemühen sich diese Parteien, mit den brennenden Autos zurechtzukommen. Brennende Autos, das hört man jetzt ständig, hätten nichts mit Politik zu tun, sondern mit Vandalismus, nichts mit dem Kampf gegen Gentrifizierung, wie man den Prozess nennt, wenn aus innerstädtischen Gegenden die alten Mieter vertrieben werden und sich neue ansiedeln, die mehr zahlen oder ihre Wohnungen kaufen können, nichts also mit Verdrängung und viel mit „Idioten“, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagt.

          Er steht im Sommeranzug und offenem Hemd auf einer Bühne, als er das mit den Idioten sagt, in der Wilmersdorfer Straße von Charlottenburg: Karstadt, Tchibo, Modeschmuck, jede Stadt hat so eine Fußgängerzone. Und fünfzig Meter hinter Wowereits Bühne, in der Pestalozzistraße, steht ein BMW mit ausgebranntem Motor. Versengte Kotflügel, geschmolzene Innereien, links vorn abgesackt, wie ein großes, schweres Tier, das nicht mehr konnte und in sich zusammenfiel. Der Airbag für den Beifahrer ist geplatzt, auf der Rückbank noch ein Kindersitz befestigt. Eine junge Mutter kommt vorbei, die Tochter zieht sie zur Fahrerseite, was willst du mir zeigen, fragt die Mutter. Vermutlich den Kindersitz. Gegenüber hat ein Lieferwagen der SPD-Kampagne geparkt, „Berlin fährt vor“, steht dran.

          Auftakt der sogenannten Kieztour

          Dienstagnacht hat dieser BMW gebrannt. Und zwar nicht am ruhigeren Ende der Pestalozzistraße, die sich vom Lietzensee bis zum Savignyplatz zieht, gesäumt von typischen Charlottenburger Altbauten, sondern fünfzig Meter entfernt von einer Fußgängerzone, die, weil es hier Schnellrestaurants gibt und die U-Bahn die S-Bahn kreuzt, auch nachts nicht richtig einsam wird. Wer auch immer den Grillanzünder auf den Reifen gelegt hat, muss sich sicher gefühlt haben.

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