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Vor dem Protestwochenende : Eine neue Revolution der Pelzmäntel

  • -Aktualisiert am

Aufgeheizte Stimmung: eine Demonstration in Moskau an diesem Mittwoch Bild: dpa

Am Wochenende werden wieder Demonstrationen erwartet: Wie Russlands Zivilgesellschaft gegen die Putin-Partei und brutale Milizen mobil macht.

          3 Min.

          Moskau rüstet sich für ein heißes Adventswochenende. Nach den Protestmärschen gegen die gefälschten Duma-Wahlergebnisse vom Wochenbeginn werden jetzt schon Verpflegungspakete für die Elitesoldaten des Innenministeriums von der Dserschinski-Division bereitgestellt, für den Feldeinsatz am Samstag und Sonntag.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Miliz, die heute Polizei heißt, behauptet, vor allem nationalistische Ausschreitungen am Sonntag verhindern zu wollen, dem Jahrestag der Straßenschlachten Jugendlicher auf dem Manegeplatz. Bei der für Samstag, den Tag der Verkündung der offiziellen Wahlergebnisse, behördlich genehmigten Demonstration der Opposition auf dem Platz der Revolution werde man dafür sorgen, dass das mit der Stadtverwaltung beschlossene Reglement eingehalten werde, heißt es. Genehmigt sind freilich nur maximal dreihundert Personen auf dem wegen angeblicher Rohr-Reparaturen fast gesperrten Platz. Das Bürgermeisteramt kündigte schon an, sollten mehr kommen, werde es Festnahmen und Strafen für die Veranstalter geben. Über die sozialen Netze haben allerdings schon etliche zehntausend ihre Teilnahme zugesagt.

          Harmloses Verhalten kein Schutz vor Verhaftung

          Nach den Erfahrungen dieser Woche rechnen viele mit einer Eskalation. Zu den meistgelesenen Texten gehört der Blog „Rechtliche Ratschläge für Demonstranten“ des Anwalts Iwan Ninenko. Der Jurist empfiehlt, statt des im Prinzip obligatorischen Passes nur dessen notariell beglaubigte Kopie bei sich zu haben, um zu vermeiden, dass die Polizei einen festhält, dann freilässt, den Pass aber einbehält. Nützlich sei außerdem eine schriftliche Vollmacht für eine Vertrauensperson, die im Idealfall eine Rechtsausbildung haben und möglichst eine Kopie dieses Dokuments besitzen solle. Harmloses Verhalten sei übrigens kein Schutz vor Verhaftung, mahnt Ninenko. Das wurde durch die überfallartige Festnahme eines jungen Mannes demonstriert, der sich mit Freunden in einem unweit der Kundgebung am Triumfalnaja-Platz gelegenen Café stärkte.

          „Erwarten Sie kein rechtskonformes Verhalten“, rät der Anwalt. Dem Gesetz nach muss der Beamte, der einen festnimmt, sich identifizieren. De facto verdrehen die wegen ihrer dicken Schutzanzüge und Spezialhelme „Kosmonauten“ genannten Omon-Kämpfer ihrem Opfer einfach die Arme auf dem Rücken und werfen ihn in den „Awtosak“ genannten Gefangenenbus. Wenn entsprechende Befehle vorlägen, werde dann auch derjenige wegen angeblichen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt, der freiwillig in den Bus gesprungen sei, versichert Ninenko.

          „Sie bedrohen mein Leben!“

          Omon-Einheiten waren schon zu Sowjetzeiten für ihre Brutalität berüchtigt. Der Oppositionelle Ilja Jaschin bekam, als sie ihn festhielten, als Erstes einen Tritt ans Schienbein. Dem Blogger Alexej Nawalnyj brach ein Omon-Mann, der ihm mit seinem Helm gezielt „zunickte“, fast die Nase. Die ebenfalls festgenommene Journalistin Jelena Kostjustschenko bezeugt, man habe Mithäftlinge mit dem Kopf gegen die Buswand geschlagen. Andere Demonstranten berichteten von Nierenschlägen, wie sie auch bei Verhören praktiziert werden. Unvergesslich ist der knüppeltragende „Kosmonaut“, der einem schmächtigen Protestler zubrüllte: „Sie bedrohen mein Leben!“

          Den größten Zorn im Netz löste das Video eines blonden Mädchens aus, das von drei bulligen Terrorbekämpfern „geschraubt“ wurde, wie das Armumdrehen in deren Jargon heißt. Einige Kremljugendliche der „Naschisten“ jubelten dazu. Diese schöne junge Frau symbolisiere für ihn Russland, das von Putin und seiner Bande vergewaltigt werde, sagt der Internetaktivist „Oberst Albert“.

          Versäumtes nachholen

          Der Generaldirektor des Verlags Ad Marginem, Michail Kotomin, glaubt indes, dass die Überfülle an Information ein verzerrtes Bild gebe. Vielleicht werde aber auch Angst geschürt, um die Aktivistenzahlen zu erhöhen. Der Verleger will am Samstag auf dem Revolutionsplatz unbedingt dabei sein. An der Farce der Dumawahlen habe er gar nicht erst teilgenommen. Inzwischen sehe er aber ein, dass das ein Fehler war. Auch habe er mit der jetzigen Aktivität der Straße nicht gerechnet, sagt der Herausgeber radikaler Literatur. Viele der jungen Leute, die jetzt auf die Straße gingen, hätten nicht gewählt. Daher sei die Kundgebung auch eine Form, Versäumtes nachzuholen.

          Gewaltexzesse werde es am Wochenende nicht geben, prophezeit Kotomin, der eher mit einer revoljuzija schub, einer „Revolution der Pelzmäntel“, rechnet, wie sie in Moskau zu Beginn der neunziger Jahre stattfanden. Deswegen habe sich auch die Glamourreporterin Bozhena Rynska auf den Triumfalnaja-Platz gewagt, die sich bei ihrer vorübergehenden Festnahme fast triumphierend filmen ließ. Heute seien freilich alle Plätze in Moskau verbarrikadiert, weswegen Gedränge in Nebenstraßen wahrscheinlich sei. Doch die traditionellen Aufmärsche der entschlossensten Regimegegner am 31.Dezember, die wirklich brutal niedergeschlagen würden, seien viel gefährlicher, sagt Kotomin. Das Schlimmste, was am kommenden Wochenende passieren könne, seien ein paar Tage Haft. Deswegen habe er mit seiner Frau nur ausgemacht, dass sie, des kleinen Kindes wegen, zu Hause bleibe.

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