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Vor dem Finale der Rugby-WM : Gedränge und Gewalt der Körper

  • -Aktualisiert am

Gedränge beim Halbfinale zwischen Australien und den All Blacks aus Neuseeland Bild: REUTERS

Mit dem Finale zwischen Gastgeber Neuseeland und Frankreich findet die Rugby-WM am Sonntag ihren Höhepunkt. Gerade in Deutschland hätte es dieser Sport verdient, genauer wahrgenommen zu werden.

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          „Stell Dir vor, es ist Krieg, und niemand geht hin”: Diese berühmt friedfertigen Worte stammen, glaube ich, von Bertolt Brecht, der übrigens nicht gerade pazifistisch war. Was immer der ethische oder politische Anspruch des Satzes sein mag, er passt genau, um die Einstellung der meisten deutschen Sportfans zur Rugby-Weltmeisterschaft zu beschreiben, die am Sonntag beim Finale zwischen dem favorisierten Gastgeber Neuseeland und Frankreich ihren Höhepunkt erlebt.

          Man hat in Deutschland kein Interesse und keine Zeit für ein Spiel, das seit etwa einem Jahrzehnt weltweit immer mehr Zuschauer fasziniert - und beruft sich dabei gerne (und durchaus selbstgefällig) auf eine Abscheu vor Gewalt, vor Gewalt, die tatsächlich und ganz wesentlich zum Rugby gehört.

          Aus der Distanz wirkt diese Ausblendung eher wie ein provinzielles Vorurteil. Denn im Vergleich zu anderen Ländern bietet die deutsche Sportszene, was Mannschaftsspiele angeht, ein kaum überbietbar monokulturelles Bild. In England konkurriert der Fußball mit Rugby und Cricket, in Frankreich gibt es Regionen, vor allem im Südwesten, wo Rugby weit populärer ist als Fußball.

          Das ästhetische Potential des Spiels

          Wie weit der Fußball in den Vereinigten Staaten hinter Baseball, American Football, Basketball und Eishockey rangiert, nehmen deutsche Beobachter seit langem als ein unwiderlegbares Symptom schlechten Geschmacks wahr - und dass Rugby das dominierende Spiel der südlichen Hemisphäre ist, hat sich wohl noch gar nicht herumgesprochen. Selbst in klassischen Fußball-Ländern wie Argentinien oder Uruguay spielt Rugby eine beachtliche Rolle. Brasilien ist die – in dieser Hinsicht mit Deutschland vergleichbare – monokulturelle Ausnahme.

          Da solche kollektiven Zuwendungen und Abwendungen zur Welt der ästhetischen Erfahrung gehören (so zäh sich selbst viele Intellektuelle unter den Sportfans gegen den Sachverhalt wehren), kann und sollte man über sie nicht streiten - schlimmer wäre wohl nur, sie als Symptome von Schwächen oder Stärken im „Nationalcharakter“ zu deuten. Die Frage ist eher, was man - als Möglichkeit ästhetischer Erfahrung - versäumt in einer Sportkultur, in der Rugby keine Rolle spielt.

          Und Rugby spielt geradezu sichtbar keine Rolle in Deutschland: vor einigen Wochen entdeckte ich vor dem Frankfurter Flughafen den offiziellen Bus der deutschen Rugby-Nationalmannschaft, und er sah so bedauernswert aus, dass ich gerne mit einer Spende geholfen hätte - wenn nur jemand dagewesen wäre, um sie entgegenzunehmen.

          Neuseeland ist der Favorit im sonntäglichen Finale

          Wer sich das ästhetische Potential eines Spiels wie Rugby vergegenwärtigen möchte, sollte einen kurzen Blick auf die Geschichte jenes Differenzierungsprozesses werfen, in dem während des neunzehnten Jahrhunderts aus einer zunächst kaum festgeschriebenen gemeinsamen Grundlage Spiele wie Fußball, Rugby und American Football entstanden sind. Historisch und systemisch gesehen, liegt der jeweils entscheidende Entwicklungsschritt - und der entscheidende Unterschied - darin, ob Spieler den Ball mit ihren Händen sichern und bewegen dürfen.

          Wo das erlaubt bleibt, wie beim Rugby und später beim American Football, da muss auch der Gebrauch von Gewalt erlaubt bleiben. Man kann sie definieren als die Eroberung oder Verteidigung von Räumen mit Körpern gegen den Widerstand anderer Körper - weil allein der Gebrauch von Gewalt einer Mannschaft in der Defensivposition Möglichkeiten gibt, den Ball zurückzugewinnen.

          Kontrast und Wechsel der Situationen

          Nach der gleichen Logik müssen die Regeln des Fußballs den Gebrauch von Gewalt ausschließen, weil Ballkontrolle dort weit prekärer ist und gegen den ein Einsatz von Gewalt schlicht unmöglich wäre. Eishockey markiert die eine Ausnahme in diesem Zusammenhang: obwohl auch dort die Puck-Sicherung prekär ist (wie beim Fußball), bleibt der Einsatz von Gewalt (wie beim Rugby) erlaubt, was wohl einfach damit zu erklären ist, dass sich auf dem Eis Kollisionen nicht vermeiden lassen.

          Auf dem Rasen aber folgt für Rugby und Fußball - und für die nächste Ebene in der Ausformung dieser Spiele - dass sich Fußball als ein Spiel von Momenten individueller Intuition und flexibler kollektiver Organisation entwickelt hat, weil dort Strategien der Ballsicherung nicht über längere Sequenzen geplant und durchgehalten werden können. Rugby hingegen lebt vom Kontrast und vom Wechsel zwischen zwei grundlegend verschiedenen Situationen.

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