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Von der Renaissance lernen : Besetzt den Palazzo Vecchio!

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Bußpredigten wider die Macht der Banker können Kapitalismus und Kunst gut tun. An diese Renaissance-Erfahrung erinnert die Ausstellung über „Geld und Schönheit“ in Florenz.

          6 Min.

          Erst Griechenland - und jetzt also Italien. Erst die Erfinder Europas, jetzt die der Banken. Ist da eigentlich irgendein teuflischer Plan dahinter, wenn in dieser Superkrise der europäischen Finanzsysteme zuerst ausgerechnet die Länder ins Trudeln geraten, von denen wir die Begriffe für beides haben?

          Dass eine Krise immer auch eine Einladung ist zu einem Rendezvous mit den Ursprüngen dessen, was da in der Krise steckt, das war ja so ein Verdacht, der sich uns hier schon in der vergangenen Woche aufgedrängt hatte. Die Leute stürmen Ausstellungen über die „Gesichter der Renaissance“, um zu betrachten, wie sich da auf den Leinwänden etwas herauszuschälen scheint, das sich im formal verblüffend ähnlichen Bildnisgebrauch für Facebookprofile und biometrische Pässe heute zusehends wieder auflöst: das Bewusstsein des autonomen Individuums, die Gewissheit eines Ichs, das Herr in Kopf und Körper ist.

          Und Millionen schauen zu, wenn in der Fernsehserie „Borgia“ hemmungslose Machtpolitik und sinnenfreudige Daseinsbejahung wie ein einziger Hefeklumpen des Amoralischen dermaßen auf das alte Weltgefüge einwirken, dass man jederzeit mit einer Bußpredigt von Peter Hahne oder Oskar Lafontaine dagegen rechnen muss. Geschichte ist halt immer nur das, was wir darin sehen, und anders als ein Mantel lässt sich die eigene Gegenwart an der Garderobe nicht abgeben, wenn man durch eine Ausstellung geht, man schleppt sie grundsätzlich mit.

          Vom Bankmöbel zum Bankgebäude

          Wenn dies nun aber die Woche ist, in welcher die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident zusehen müssen, dass sie nicht lauthals losprusten, wenn sie über die Kreditwürdigkeit der Italiener befragt werden: Dann gibt es praktisch gar keinen besseren Ort, sich darüber so seine Gedanken zu machen, als die Ausstellung „Geld und Schönheit - Bankiers, Botticelli und das Fegefeuer der Eitelkeiten“, die zurzeit in Florenz zu sehen ist, passenderweise im Palast der Bankiersfamilie Strozzi. Dabei ist diese wunderbare Ausstellung überhaupt nicht als Antwort auf die Finanzkrise geplant gewesen, noch nicht einmal auf die von vor drei Jahren; die ersten Pläne stammten noch aus dem prosperierenden Sommer 2006; es ging dabei einfach um die eigenen Grundlagen, um die schnöden ökonomischen Grundlagen jener Renaissance, von der die Stadt bis heute zehrt.

          Erzählt wird die Finanzkrise hier sozusagen von ihrem anderen Ende her, von dem Ende, an dem zumindest die Begriffe noch stimmten. Am Anfang war die Bank wirklich noch eine Bank, das kann man auf den alten Gemälden sehen: die stoffbespannte „banca“, auf der die Gelder gewechselt wurden und die später dem Gebäude, in dem das geschah, den Namen gab. Die „banca rotta“, die zerbrochene Bank des Zahlungsunfähigen, ohne die heute in den Nachrichten das so dringend benötigte Wort Bankrott fehlen würde, so wie wir nicht von Giro, Konto, Skonto und Lombardsätzen sprechen könnten, ohne die Oberitaliener des späten Mittelalters, in welchem Florenz zum Finanzzentrum Europas wurde, zu einer Art Frankfurt am Arno gewissermaßen. Das, was wir heute als Renaissancestil kennen, war ja zunächst einmal nichts als die Lokalmode in einer von Bankiersdynastien geprägten Stadt - es ist der ästhetische Ausdruck ausgeglichener Bilanzen.

          Der Florin als Zweiklassenwährung

          Die Ausstellung setzt da ein, wo die Gilden der Münzpräger und Geldwechsler ihren Arbeitsgegenstand gefälligst auch in der religiösen Kunst repräsentiert sehen wollten, die sie sich bestellten. Und sie nimmt sich eine finanztechnische Innovation als Ausgangspunkt: die Einführung des Florins (dessen Vorbild bis hin zum ungarischen Forint noch nachklingt). Diese optisch an sich eher mickrige Goldmünze hatte eine ganze Reihe von Funktionen und Effekten. Das Geld des Mittelalters war, nachdem Karl der Große die antiken Goldmünzen abgeschafft hatte, aus Silber gewesen. Der Florin setzte eine Münze für die wohlhabenderen Stände entgegen; es war ganz ausdrücklich eine Zweiklassenwährung.

          Das erforderte Geldwechsel, förderte also Banken, und es setzte natürlich Anreize und hatte eine gewisse soziale Mobilität zur Folge, die nur durch umständliche Luxusgesetze halbwegs wieder in einem mittelalterlich ständischen Sinne begrenzt werden konnte: Wer es als Armer zu ein paar Florins geschafft hatte, war strengen Verboten unterworfen, diesen Reichtum in einer Weise zu zeigen, die den Eliten vorbehalten war. In einer Gesellschaft, die zunehmend von der Ostentation lebt, führen solche Regularien zwangsläufig zu neuen, anderen Ausdrucksformen.

          Vom Geldtransport zum Wechselbrief

          Das andere war das von heute her bekannte Misstrauen gegenüber den nur behaupteten Geldwerten, die Flucht in anfassbare Werte, am besten ins Gold. Die relativ kleinen Goldmünzen (nicht größer als ein Fünf-Cent-Stück) ergaben einen relativ hohen Wert, komprimiert auf eine gut transportfähige Größe. Das wiederum beförderte den internationalen Handel, als dessen Zentrum Florenz sich verstand. Es gibt eine Menge Geldkisten in der Ausstellung, die ahnen lassen, wie buchstäblich schwer Finanztransfers damals waren. Halbwüchsige Söhne der Bankiersfamilien wurden weit entfernt in die ausländischen Filialen geschickt und, sozusagen als Reiseversicherung, auf religiösen Gemälden in der Person des wandernden Tobias dem Erzengel Raphael anempfohlen.

          Dieses internationale Filialnetz ermöglichte dann aber die Erfindung eines weiteren Finanzproduktes, das insofern bereits modern genannt werden kann, als es auch damals schon von den Leuten nicht mehr so recht durchblickt wurde - die sogenannten Wechselbriefe. Man zahlte in Florenz seine Florins ein, bekam einen Wechselbrief und konnte sich bei der Londoner Filiale der Bank den Gegenwert in Pfund auszahlen lassen. Da die Wechselkurse schwankten, diese Schwankungen aber aufgrund bestimmter Indikatoren vorausberechnet werden konnten, waren bei mehrmaligem Hin und Her erkleckliche Profite drin.

          Das führte dazu, dass zunehmend Briefe hin und her gingen, ohne dass überhaupt Geld floss. Schließlich fielen auch die Briefe weg, und die Transaktionen tauchten nur noch in den Büchern auf. Es ist kein Wunder, dass den anderen Marktteilnehmern leicht schwindelig wurde darüber. Der Bürgermeister von Barcelona schimpfte im 15. Jahrhundert nicht anders als ein Politiker heute: Welthandel sei im Prinzip richtig, aber die Italiener hätten das ganze System leider pervertiert mit ihren fiktiven Kontrakten und anderen undurchsichtigen Tricks („contractus ymaginarios cambiorum, recambiorum, assecuramentorum et aliorum similum“).

          Cosimos geheimer Traum

          Das Frappierende daran ist, dass diese Art der spekulativen Gewinnerzielung eigentlich nur als Ausweichmanöver erfunden wurde, um dem Vorwurf der Wucherei zu entgehen. Das Verleihen von Geld gegen verabredete Zinssätze galt als Sünde und wurde deshalb weitgehend auf die Juden abgewälzt; im christlichen Sinne hingegen völlig okay war, fußend auf den erstaunlichen Einlassungen des Thomas von Aquin hierzu, ausgerechnet alles Spekulative im Geldgeschäft, weil es als Lohn des Risikos und damit im Prinzip als Gewinn im Sinne eines Glücksspiels betrachtet werden kann. Man muss sich immer mal wieder daran erinnern, sich die Renaissance auch wiederum nicht so verweltlicht zu denken, dass man die fundamentale Sorge um das Seelenheil unterschätzt.

          Wenn der alte Cosimo de’ Medici sich nämlich dahingehend äußert, dass er Gott nie genug zahlen könne, um ihn als Schuldner in seinen Büchern führen zu können: Dann weiß man immerhin, dass genau das sein heimlicher Traum gewesen sein muss. So blieb ihm nichts, als sich beim Papst, immerhin seinem wichtigsten Schuldner auf Erden, darüber zu erkundigen, wie er das unter einen Hut bekommen könne - reich sein und trotzdem sein Seelenheil behalten. Die Antwort des Papstes ist überliefert: Investier 10.000 Florins in die Instandsetzung des Konvents von San Marco!

          Geld mit adelnden Eigenschaften

          Dass Cosimo das nur unter der Bedingung tat, dass das Konvent dem asketischen Bettelorden der Dominikaner übereignet wurde, weil er sich von deren Fürbitten besonderes Gewicht erwartete, das werden seine direkten Nachfahren heftig genug beklagt haben, als ihnen von San Marco aus der Bußprediger Savonarola zur Nemesis erwuchs. Für uns, die wir im erweiterten Sinne die Erben des Mediceischen Mäzenatentums sind, ist diese verzwickte Heilsökonomie aber ein Segen: Ihr verdanken wir den größten Teil der Kunst.

          Der moralische Makel, der dem Geld letztlich seit der Antike schon anhaftet, führt dazu, dass Gewinne gleichsam zur Reinigung im hohen Maße in Caritas und Kunstwerke flossen. Ins Geld ist ein schlechtes Gewissen eingebaut, das es kulturell produktiv werden lässt. Darauf beruhen Kunstsammlungen und Kultursponsoring im Wesentlichen ja bis heute. Wenn es für die Herstellung von Schönheit verwendet werden kann, dann wächst dem Geld eine adelnde Eigenschaft zu, die es ursprünglich nicht hat. Und der Vorteil der Medici war es, dass mit dem Florentiner Neuplatonismus sogar eine philosophische Trickkiste bereitstand, um dieses Prinzip ins Jenseits zu verlängern: Wo Geld zu Schönheit wird und Schönheit zum Scheinen der göttlichen Idee, da strahlt das Ganze quasi automatisch voll der Gnade auf die ökonomischen Ressourcen zurück.

          Botticellis übersetzte Reichtum in Rätselbilder

          Es ist dann natürlich ein Segen, wenn man einen Botticelli bei der Hand hat, einen Maler, dessen Schönlinigkeit das Publikum in den Uffizien immerhin auch heute noch betört. Botticelli hat nie, wie das seine flämischen Kollegen gern mit moralisierendem Unterton taten, den vulgären Akt des Geldzählens gemalt - Botticelli war selbst malendes Geld. Er war die Übersetzung von Reichtum in mythologische Rätselbilder voll sphärischer Schönheit für eine kleine, humanistisch gebildete Elite, der seine Werkstatt eine nackte Venus nach der anderen für das Hinterzimmer lieferte.

          Als dann Savonarola kam, der Mann, der die Medici vertrieb und Reue, Buße, Askese, Werte und Umkehr predigte, wurden Botticellis Bilder plötzlich wieder ganz mittelalterlich, die freien, schönen Menschen standen da nun gedrängt und gequälten Gesichts in ihrer Ursünde umher. Predigten zu Reue, Buße und Umkehr zielen immer ins Mittelalterliche. Und am Ende brennen die Scheiterhaufen. Savonarola ließ alle Luxusgüter verbrennen, die sich greifen ließen. Auch Gemälde. Und am Ende warfen ihn die Florentiner, die sich nicht alles nehmen lassen wollten, selbst in die Flammen.

          Von heute aus betrachtet erscheinen einem diese sogenannten „Fegefeuer der Eitelkeiten“ nicht nur wie ein großartiger Titel für einen Roman zum Beispiel über New York. Sie haben auch etwas von dem reinigenden Potlatch, den Bataille so euphorisch gefeiert hat. Denn nach Savonarolas Kreuzzug gegen den Mammon ging es ja erst so richtig los. Mit den Medici, der Renaissance, dem Kapitalismus und dem ganzen Rest.

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