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Von der Renaissance lernen : Besetzt den Palazzo Vecchio!

  • -Aktualisiert am

Wenn der alte Cosimo de’ Medici sich nämlich dahingehend äußert, dass er Gott nie genug zahlen könne, um ihn als Schuldner in seinen Büchern führen zu können: Dann weiß man immerhin, dass genau das sein heimlicher Traum gewesen sein muss. So blieb ihm nichts, als sich beim Papst, immerhin seinem wichtigsten Schuldner auf Erden, darüber zu erkundigen, wie er das unter einen Hut bekommen könne - reich sein und trotzdem sein Seelenheil behalten. Die Antwort des Papstes ist überliefert: Investier 10.000 Florins in die Instandsetzung des Konvents von San Marco!

Geld mit adelnden Eigenschaften

Dass Cosimo das nur unter der Bedingung tat, dass das Konvent dem asketischen Bettelorden der Dominikaner übereignet wurde, weil er sich von deren Fürbitten besonderes Gewicht erwartete, das werden seine direkten Nachfahren heftig genug beklagt haben, als ihnen von San Marco aus der Bußprediger Savonarola zur Nemesis erwuchs. Für uns, die wir im erweiterten Sinne die Erben des Mediceischen Mäzenatentums sind, ist diese verzwickte Heilsökonomie aber ein Segen: Ihr verdanken wir den größten Teil der Kunst.

Der moralische Makel, der dem Geld letztlich seit der Antike schon anhaftet, führt dazu, dass Gewinne gleichsam zur Reinigung im hohen Maße in Caritas und Kunstwerke flossen. Ins Geld ist ein schlechtes Gewissen eingebaut, das es kulturell produktiv werden lässt. Darauf beruhen Kunstsammlungen und Kultursponsoring im Wesentlichen ja bis heute. Wenn es für die Herstellung von Schönheit verwendet werden kann, dann wächst dem Geld eine adelnde Eigenschaft zu, die es ursprünglich nicht hat. Und der Vorteil der Medici war es, dass mit dem Florentiner Neuplatonismus sogar eine philosophische Trickkiste bereitstand, um dieses Prinzip ins Jenseits zu verlängern: Wo Geld zu Schönheit wird und Schönheit zum Scheinen der göttlichen Idee, da strahlt das Ganze quasi automatisch voll der Gnade auf die ökonomischen Ressourcen zurück.

Botticellis übersetzte Reichtum in Rätselbilder

Es ist dann natürlich ein Segen, wenn man einen Botticelli bei der Hand hat, einen Maler, dessen Schönlinigkeit das Publikum in den Uffizien immerhin auch heute noch betört. Botticelli hat nie, wie das seine flämischen Kollegen gern mit moralisierendem Unterton taten, den vulgären Akt des Geldzählens gemalt - Botticelli war selbst malendes Geld. Er war die Übersetzung von Reichtum in mythologische Rätselbilder voll sphärischer Schönheit für eine kleine, humanistisch gebildete Elite, der seine Werkstatt eine nackte Venus nach der anderen für das Hinterzimmer lieferte.

Als dann Savonarola kam, der Mann, der die Medici vertrieb und Reue, Buße, Askese, Werte und Umkehr predigte, wurden Botticellis Bilder plötzlich wieder ganz mittelalterlich, die freien, schönen Menschen standen da nun gedrängt und gequälten Gesichts in ihrer Ursünde umher. Predigten zu Reue, Buße und Umkehr zielen immer ins Mittelalterliche. Und am Ende brennen die Scheiterhaufen. Savonarola ließ alle Luxusgüter verbrennen, die sich greifen ließen. Auch Gemälde. Und am Ende warfen ihn die Florentiner, die sich nicht alles nehmen lassen wollten, selbst in die Flammen.

Von heute aus betrachtet erscheinen einem diese sogenannten „Fegefeuer der Eitelkeiten“ nicht nur wie ein großartiger Titel für einen Roman zum Beispiel über New York. Sie haben auch etwas von dem reinigenden Potlatch, den Bataille so euphorisch gefeiert hat. Denn nach Savonarolas Kreuzzug gegen den Mammon ging es ja erst so richtig los. Mit den Medici, der Renaissance, dem Kapitalismus und dem ganzen Rest.

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