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Von der Renaissance lernen : Besetzt den Palazzo Vecchio!

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Das erforderte Geldwechsel, förderte also Banken, und es setzte natürlich Anreize und hatte eine gewisse soziale Mobilität zur Folge, die nur durch umständliche Luxusgesetze halbwegs wieder in einem mittelalterlich ständischen Sinne begrenzt werden konnte: Wer es als Armer zu ein paar Florins geschafft hatte, war strengen Verboten unterworfen, diesen Reichtum in einer Weise zu zeigen, die den Eliten vorbehalten war. In einer Gesellschaft, die zunehmend von der Ostentation lebt, führen solche Regularien zwangsläufig zu neuen, anderen Ausdrucksformen.

Vom Geldtransport zum Wechselbrief

Das andere war das von heute her bekannte Misstrauen gegenüber den nur behaupteten Geldwerten, die Flucht in anfassbare Werte, am besten ins Gold. Die relativ kleinen Goldmünzen (nicht größer als ein Fünf-Cent-Stück) ergaben einen relativ hohen Wert, komprimiert auf eine gut transportfähige Größe. Das wiederum beförderte den internationalen Handel, als dessen Zentrum Florenz sich verstand. Es gibt eine Menge Geldkisten in der Ausstellung, die ahnen lassen, wie buchstäblich schwer Finanztransfers damals waren. Halbwüchsige Söhne der Bankiersfamilien wurden weit entfernt in die ausländischen Filialen geschickt und, sozusagen als Reiseversicherung, auf religiösen Gemälden in der Person des wandernden Tobias dem Erzengel Raphael anempfohlen.

Dieses internationale Filialnetz ermöglichte dann aber die Erfindung eines weiteren Finanzproduktes, das insofern bereits modern genannt werden kann, als es auch damals schon von den Leuten nicht mehr so recht durchblickt wurde - die sogenannten Wechselbriefe. Man zahlte in Florenz seine Florins ein, bekam einen Wechselbrief und konnte sich bei der Londoner Filiale der Bank den Gegenwert in Pfund auszahlen lassen. Da die Wechselkurse schwankten, diese Schwankungen aber aufgrund bestimmter Indikatoren vorausberechnet werden konnten, waren bei mehrmaligem Hin und Her erkleckliche Profite drin.

Das führte dazu, dass zunehmend Briefe hin und her gingen, ohne dass überhaupt Geld floss. Schließlich fielen auch die Briefe weg, und die Transaktionen tauchten nur noch in den Büchern auf. Es ist kein Wunder, dass den anderen Marktteilnehmern leicht schwindelig wurde darüber. Der Bürgermeister von Barcelona schimpfte im 15. Jahrhundert nicht anders als ein Politiker heute: Welthandel sei im Prinzip richtig, aber die Italiener hätten das ganze System leider pervertiert mit ihren fiktiven Kontrakten und anderen undurchsichtigen Tricks („contractus ymaginarios cambiorum, recambiorum, assecuramentorum et aliorum similum“).

Cosimos geheimer Traum

Das Frappierende daran ist, dass diese Art der spekulativen Gewinnerzielung eigentlich nur als Ausweichmanöver erfunden wurde, um dem Vorwurf der Wucherei zu entgehen. Das Verleihen von Geld gegen verabredete Zinssätze galt als Sünde und wurde deshalb weitgehend auf die Juden abgewälzt; im christlichen Sinne hingegen völlig okay war, fußend auf den erstaunlichen Einlassungen des Thomas von Aquin hierzu, ausgerechnet alles Spekulative im Geldgeschäft, weil es als Lohn des Risikos und damit im Prinzip als Gewinn im Sinne eines Glücksspiels betrachtet werden kann. Man muss sich immer mal wieder daran erinnern, sich die Renaissance auch wiederum nicht so verweltlicht zu denken, dass man die fundamentale Sorge um das Seelenheil unterschätzt.

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