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: Von der Pflicht zu töten

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Warum sich derzeit die Stellungnahmen zu dem seit Jahrzehnten unentschieden hin und her wogenden Thema "Sterbehilfe" häufen, ist nicht recht zu verstehen. Ist ein Entscheidungsdruck entstanden? Vom Dickicht der Kasuistik verdeckte elementare Gefühle kommen an den Tag.

          Warum sich derzeit die Stellungnahmen zu dem seit Jahrzehnten unentschieden hin und her wogenden Thema "Sterbehilfe" häufen, ist nicht recht zu verstehen. Ist ein Entscheidungsdruck entstanden? Vom Dickicht der Kasuistik verdeckte elementare Gefühle kommen an den Tag. Mit Blick auf die Schwierigkeiten, angesichts der Altersentwicklung der Bevölkerung und der ständigen Fortschritte lebensverlängernder Medizin ein flächendeckendes Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten, erscheinen alle Konzepte zur Dezimierung dieses "Anspruchspotentials" hilfreich. Solcher Argwohn wird längst öffentlich formuliert, etwa durch den Münchner Philosophen Robert Spaemann. So ist für viele Menschen die Versuchung groß, der Einflüsterung zu folgen, als einzige wirksame Waffe gegen den schlechten Pragmatismus bleibe nur die Suche nach absoluten Wahrheiten.

          Beide Strömungen gehen jedoch darüber hinweg, daß auslösendes Moment für die Bemühungen um die Legitimation aktiver Sterbehilfe der Respekt vor dem Willen des Lebensmüden ist, der weder bevölkerungspolitischer Unterstützung bedarf noch der Abwertung durch übermenschliche Lebenskonzepte zugänglich ist. Doch dieses sichere Urteil kann nur aufrechterhalten, wer es ernst meint mit der Nichthintergehbarkeit der menschlichen Individualität und Freiheit, dieser vorläufig letzten Bastion intellektueller Aufklärung. Dazu gehört der Abschied von der Illusion, der Mensch könne, auch wenn er die Freiheit wähle, bei externen Autoritäten Zuflucht suchen. Die Quellen unserer Orientierungen sind zwar unendlich, aber wir können ihre Herkunft nicht verbindlich machen, sondern nur die unerforschliche Produktion des Selbst mit vergleichbaren Vorgängen bei anderen Menschen koordinieren.

          Strafrechtlich ist die Frage inzwischen längst geklärt: Wer erfolglos versucht hat, sich selbst zu töten, wird nicht bestraft. Diejenigen, die einem anderen erfolgreich helfen, sich zu töten, werden auch nicht bestraft, gleichviel, ob es sich um aktive Beiträge handelt oder um unterbliebene Rettungsversuche (hier gibt es noch streitige Grenzfälle). Verfassungsrechtlich liegt es anders. Daß die in Artikel1 des Grundgesetzes geschützte Menschenwürde das Recht auf den eigenen Tod einschließt, wird in einigen Kommentaren mutig behauptet, andere sind zurückhaltend oder explizit anderer Meinung.

          Auch im Strafrecht ist allerdings die Frage noch offen, ob das Recht auf den eigenen Tod so weit gehen kann, daß jemand straffrei bleiben soll, der denjenigen, der sterben will, auf dessen Bitte hin tötet. Das geltende Recht verneint diese Frage eindeutig. "Tötung auf Verlangen" ist ein Straftatbestand, es gibt nur eine Strafmilderung. Im Zuge allgemeiner Liberalisierungsvorschläge indessen hat vor knapp zwanzig Jahren die als "Alternativ-Professoren" bekannte Gruppe schweizerischer, österreichischer und deutscher Strafrechtslehrer einen "Alternativentwurf eines Gesetzes zur Sterbehilfe" vorgelegt. Der sah im Falle der Tötung auf Verlangen Straffreiheit vor, "wenn die Tötung der Beendigung eines schwersten, vom Betroffenen nicht mehr zu ertragenden leidenden Zustandes dient, der nicht durch andere Maßnahmen behoben oder gelindert werden kann". Von diesem Vorschlag aber ist die gleiche Gruppe (der mittlerweile auch sehr viel jüngere Strafrechtslehrer angehören) in einem unlängst präsentierten neuen "Alternativ-Entwurf Sterbebegleitung" abgerückt. Es solle "jeder Ansatz zur Durchbrechung des Fremdtötungsverbots vermieden werden".

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