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: Von den begrenzten Fortbewegungsmitteln im Land der

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Im Bus Nummer 212 fahren wir von Inglewood nach Hollywood. Der dicke, grauhaarige George, Yolanda mit ihrer Freundin, drei tätowierte Koreaner, zwei mexikanische Omas, ein philippinischer Skateboardfahrer, zwei dicke Männer in Burger-King-Uniformen und ich.

          Im Bus Nummer 212 fahren wir von Inglewood nach Hollywood. Der dicke, grauhaarige George, Yolanda mit ihrer Freundin, drei tätowierte Koreaner, zwei mexikanische Omas, ein philippinischer Skateboardfahrer, zwei dicke Männer in Burger-King-Uniformen und ich.

          Wir fahren an einem Freitagabend mit dem öffentlichen Bus die La Brea Avenue Richtung Norden. Wenn jemand aussteigen will, zerrt er an der Wäscheleine, die an einer elektrischen Glocke befestigt ist. Doch die meisten Fahrgäste bleiben bis zur Endstation sitzen: "Hollywood Boulevard / Vine Street" - wo sie die Restaurants, Nachtclubs und Kinos besuchen wollen.

          Draußen staut sich der Verkehr, die Disco-Rushhour hält uns auf. BMWs und Lexus-Jeeps umzingeln uns, aus denen laute Musik dröhnt. Doch wenn unser Fahrer Gas gibt, übertönt der alte Neoplan-Diesel jede Stereoanlage in der Umgebung.

          Das Neonlicht im Bus raubt selbst den dunkelhäutigen Fahrgästen die Farbe. Es fühlt sich an, als würden wir auf einer beleuchteten Bühne durch die Stadt gekarrt, damit alle anderen spotten können: Schaut euch die Verlierer im Bus an, die sich nicht mal einen gebrauchten Toyota leisten können!

          Das Monatsticket der Metropolitan Transport Authority kostet 62 Dollar. Ein grandioser Deal, denn das Netz umfasst 16 000 Bushaltestellen und 92 U-Bahn-Stationen auf einer Fläche größer als das Saarland. Die meisten Autofahrer geben monatlich ein Vielfaches fürs Parken aus. Doch für einen Rentner wie George oder eine Kellnerin wie Yolanda fühlt sich das Monatsticket nicht wie ein Schnäppchen an. Sie fahren ohnehin immer dieselbe Strecke.

          George sitzt aus Langeweile nachts im 212er, um sich mit jungen Frauen zu unterhalten, die er dort trifft. Yolanda pendelt aus South Central zu ihrem Job in einem Hotel in Hollywood. Manchmal braucht sie neunzig Minuten für die Reise, an anderen Tagen fast drei Stunden. "Traffic is a bitch", sagt sie. In den letzten Monaten bemerkte Yolanda außerdem, dass weniger Busse fahren. "Im Fahrplan steht: Alle zwölf bis 24 Minuten soll einer kommen, zuletzt habe ich oft doppelt so lange gewartet."

          Yolanda täuscht sich nicht. Obwohl die Los Angeles MTA 2008 mehr Fahrgäste denn je transportierte, musste sie in den vergangenen Monaten den Service um fünf Prozent kürzen. Vor allem nachts und an Wochenenden, wenn Yolanda besonders auf den Bus angewiesen ist. Ihre Mutter, eine Kassiererin, musste sich bereits einen neuen Job suchen, weil sie an Sonntagen nicht mehr pünktlich zum Supermarkt in Athens kam.

          Was die "Los Angeles Times" als "Fahrgast-Paradox" bezeichnet, entwickelt sich nicht nur in Kalifornien zu einem Notstand. Wegen der hohen Benzinpreise vermeldete die American Public Transport Association 2008 ihr bestes Jahr seit 1953: Knapp elf Milliarden mal benutzten Amerikaner Busse und Bahnen. Und die Kommunen investierten kräftig: Charlotte, North Carolina, eröffnete ein Straßenbahnnetz, um das es sogar europäische Städte beneiden. Miami, Phoenix und Houston kauften Hybridbusse, und New York begann, teure Tunnel für neue Subway-Linien zu graben.

          Kaum ein Jahr später steht der öffentliche Nahverkehr im gesamten Land vor dem Kollaps. Das "Fahrgast-Paradox" schlägt zu: Immer mehr Leute steigen vom Auto auf den ÖPNV um, aber weil die Steuereinnahmen wegbrechen, kappen die Verkehrsbetriebe das Angebot und erhöhen die Preise. In der kommenden Woche wird der Staat New York entscheiden, wie die hiesige MTA ihr Zwei-Milliarden-Dollar-Defizit decken soll. Vermutlich muss New York zwei Subway- und 25 Buslinien stilllegen, die Fahrpreise um bis zu 75 Prozent erhöhen und den Nachtservice nach über hundert Jahren aufgeben.

          Washington, Miami und Atlanta kürzen das Angebot um die Hälfte und entlassen Tausende Mitarbei-

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