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Gebietskämpfe der Stadtpolitik : Terror und Territorium

  • -Aktualisiert am

Lasst uns nicht mehr streiten! Demonstrantin in Minneapolis an der Schmerzgrenze Bild: AFP

Von Ausgangsbeschränkungen mit Epidemiebegründung bis zu Straßenprotesten gegen Polizeigewalt ist der Revierkampf mitten in einer scheinbar auf Ortlosigkeit gegründeten, elektronisch virtualisierten Weltgesellschaft in die Alltagspolitik eingebrochen.

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          Vor Jahren schlug in der Freiburger Innenstadt einer so hart aufs Signalhorn seines Kraftfahrzeugs, dass alle Herzen im Umkreis von zehn Kilometern einen Takt aussetzten. Ein älterer Fußgänger seufzte an der Ampel: „Schöne Hupe haste.“ Bei ihm stand eine befreundete Biologin, die erklärte: „Der Lärm ist Instinktverhalten.“ Der alte Herr nickte: „Tierisch aggressiv, stimmt.“ Die Wissenschaftlerin korrigierte: „Einen reinen Aggressionstrieb gibt’s nicht, der wäre evolutionär sinnlos und könnte nur zu Schaden für das Tier führen, das ihm gehorcht. Was es gibt, ist Territorialverhalten: Man fordert und verteidigt Gebiet, wegen Ressourcen.“ Der alte Herr nahm den Gedanken an wie eine Offenbarung und erklärte fortan tausend Alltagserlebnisse zu Folgen des Reviertriebs: „Deshalb stehen mir alle dauernd grundlos im Weg rum, deshalb husten sie wie Sterbende, wenn man an ihnen vorbeigeht, deshalb schnattern paarweise Jogger lauter, sobald sie sich nähern – die sagen alle: Das hier ist mein Stück Welt.“

          Der Hobby-Verhaltensforscher lebt schon lange nicht mehr. Zurzeit käme er mit dem Deuten gar nicht hinterher: Menschen und Hunde ringen ums Wegerecht, Forscher attackieren andere Forscher, weil Letztere einen Platz im Käseblatt oder im Fernsehen ergattert haben, den Erstere auch gern hätten, und weißes amerikanisches Kleinbürgertum stellt sich bewaffnet an Zugänge zu seinen Vorstadtsiedlungen, weil es Plünderungen fürchtet, wobei es einen Zustand für normal hält, in dem Menschen, die bei jeder Begegnung mit der Polizei um ihr Leben fürchten müssen, außerdem Besitzlose sind, deren Zorn die Eigentumsordnung gefährdet. „Weißer Besitz, schwarzer Krawall“, so hetzt der Rassismus – dabei wurde in Wahrheit historisch jeder Versuch, Gebiet für die Wohlstandsbildung von Leuten zu erobern, die nicht weiß sind, in Amerika auch nach der formellen Abschaffung der Sklaverei mit einer Gewalt zunichtegemacht, gegen die selbst die wüstesten Ausschreitungen dieser Tage Kinderfeste sind – man denke nur an das Massaker von Tulsa, Oklahoma im Jahr 1921, als etwas Reichtum, den Nachkommen Versklavter sich aufgebaut hatten, nämlich die sogenannte „Black Wall Street“, von rassistischen Rollkommandos mit Mord und Plünderung abgefackelt wurde.

          Seit Beginn der Pandemiebekämpfung im Frühjahr hat man in allerlei urbanen Zentren sehr verschiedene Sorten von Raumkämpfen erlebt, von freischaffender Mitarbeit fürs Ordnungsamt im Supermarkt bis zu Rotten von Rebellen, die Schauplätze direkter demokratischer Willensbekundung just da reklamieren, wo sie sonst nur Abladeplätze für Fast-Food-Verpackungsmüll erkennen. Der Präsident der Vereinigten Staaten weitet noch aus dem Schutzbunker Twitter-Hoheitsgebiet aus; ein Reichsbürger brüllt eine Polizistin an: „Ich bin kein Tier, ich lasse mich nicht dressieren.“ Dass man sie nicht dressieren kann, gilt für viele Tierarten; am meisten wohl für die allergefährlichste, deren schlimmste Exemplare denken: Mein Gebiet ist die Zivilisation, alles außerhalb das Chaos, und Tiere sind immer die anderen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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