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: Vom Verfolgen der Verfolger

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Als der Killer das Haus betritt, sitzt auf der Treppe ein kleines Mädchen. Ohne es anscheinend näher zu beachten, geht er hinauf zu einer Wohnung, in der er einen Job zu erledigen hat. Der Killer erschießt zuerst den Mann, auf den ...

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          WIEN, im April

          Als der Killer das Haus betritt, sitzt auf der Treppe ein kleines Mädchen. Ohne es anscheinend näher zu beachten, geht er hinauf zu einer Wohnung, in der er einen Job zu erledigen hat. Der Killer erschießt zuerst den Mann, auf den er angesetzt ist, und dann - durch die Tür, hinter die sie in ein anderes Zimmer geflüchtet ist - auch noch eine Frau, mit deren Anwesenheit er nicht gerechnet hatte. Er versichert sich noch ihres Todes, dann geht er wieder. Als er das Haus verlassen will, sitzt das Mädchen immer noch da. Es muß die Schüsse gehört haben. Der Killer trägt keine Maske. Für einen langen Moment mustert er die Zeugin. Seine Hand fährt unwillkürlich zur Waffe. Dann dreht er sich um und tritt hinaus auf die Straße. Sein Name ist Philipp Raven. Er ist der tragische Held des Films "This Gun for Hire" (1942) von Frank Tuttle. Denn das Geld, mit dem er bezahlt wird, erweist sich als registriert. Mittellos macht sich Raven auf die Suche nach seinem Auftraggeber, um es ihm heimzuzahlen. Die kurze Unentschlossenheit im Treppenhaus - die Entscheidung, das Mädchen leben zu lassen - erweist sich als folgenlos. Es ist das Geld, das ihn verrät. Den unfehlbaren professionellen Killer, dieses negative Idol der populären Kultur, gibt es nicht. Es gibt nur den professionellen Verlierer, der vielleicht für ein paar kostbare Stunden den Weg einer schönen Frau kreuzt.

          Gewinnen ist ausgeschlossen: "You Can't Win" lautet der Titel einer Reihe, die noch bis Ende April im Österreichischen Filmmuseum läuft. Sie gilt dem Film Noir, einer Form des amerikanischen Kinos, die in der französischen Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg kanonisiert wurde. Inzwischen funktioniert der Begriff Noir eher als ein produktives Interpretament denn als eine strenge Zuschreibung. Noir ist überall, und längst hat das amerikanische Kino kein Monopol mehr auf die "schwarze Serie". Noir ist eine Kategorie des Übergangs, vom deutschen Expressionismus und französischen poetischen Realismus hinein in das Dickicht des amerikanischen Studiokinos und wieder hinaus in die neurotischen Wirtschaftswunder nach dem Krieg, mit der Bombe am Horizont und den Unfallopfern am Straßenrand.

          Nicht immer nur Femme fatale

          In Wien wird Film Noir so weit gefaßt, daß sogar der arbeitslose Angestellte aus Laurent Cantets "L'emploi du temps" (2001) dazu zählt: ein Mann, der seinen Job verliert und sich ein Parallelleben erfindet, einen fiktiven Beruf bei den UN, von deren Gebäuden in Genf er nur die Foyers und die Parkplätze kennt. Vincent heißt dieser Mann. Er ist nicht mit einer Femme fatale verheiratet, noch hat er eine solche Geliebte. Er ist einfach ausgeschlossen aus den Kreisläufen und reagiert darauf mit einer Fiktion, die immer gefährlicher wird. Mit dieser kühnen Auswahl nimmt "You Can't Win" eine Verschiebung vor - und auch eine Einschränkung: Noir ist in dieser Perspektive nicht mehr in erster Linie ein Stil (und damit uneingeschränkt zitierbar), sondern auch eine Soziologie (und damit eigentlich nur übersetzbar).

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