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Vom Ursprung der Krise : Der Fluch des Anti-Geldes

Die Finanzmärkte funktionieren wie die Materiebildung in der Quantenphysik: Wer den Energieerhaltungssatz verletzt, kann Anti-Geld schaffen Bild: dpa

Das Bankensystem ist wie Quantenphysik - diesen Vergleich zieht der Hedge-Fonds-Manager George Cooper in seinem Buch über den Ursprung von Finanzkrisen. Und zeichnet dabei ein grandioses Bild dessen, was eigentlich passiert, wenn eine Bank an irgend jemanden Geld verleiht.

          John Maynard Keynes, der große britische Weltökonom, sagte, Zentralbanken machen ineffiziente Märkte erst effizient. Milton Friedman, der große amerikanische Weltökonom, sagte, Zentralbanken machen effiziente Märkte erst ineffizient. George Cooper, der Autor des überaus lesenswerten Buches „The Origin of Financial Crisis“, fragt angesichts dieses logischen Widerspruchs direkt und unverblümt, ob man überhaupt von einer Wissenschaft mit Welterklärungsanspruch sprechen könne, wenn von der Wirtschaftslehre die Rede ist.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Natürlich ist das zugespitzt. Nichtsdestotrotz lugt genau diese Frage hinter jeder der aktuell unzähligen Finanzkrisennachrichten hervor, genauso wie sich die Theologie nach jedem Krieg, jeder Hungersnot und nach jeder Riesenflutwelle abermals die Frage gefallen lassen muss, ob es Gott wirklich gibt. Können Ökonomen mit ihren Methoden also eine Finanzkrise wie die aktuelle erklären? Ja, antwortet darauf Cooper, sie können es. Aber nicht alle. Und vor allem: nicht alle gleichzeitig. Weder können beide, Friedman und Keynes, recht haben, noch kann als dazu dritte Position der derzeit gültige Ökonomenkonsens gelten, nachdem Märkte zwar eigentlich effizient sind, aber jede wichtige Wirtschaftsregion dieser Erde trotzdem eine eigene mehr oder weniger unabhängige Zentralbank braucht. „Wenn Isaac Newton diesen Standard an sich selbst angelegt hätte“, schreibt Cooper, „dann hätte er uns drei Gravitationsgesetze gegeben: Eines, das erklärt, wie sich ein Apfel verhält, der in die Luft geworfen wird; ein anderes, das beschreibt, wie er wieder zu Boden fällt; und ein drittes, dass uns erklärt, dass sich der Apfel gar nicht bewegt.“

          Wie Materie und Antimmaterie

          Cooper lässt hernach keinen Zweifel aufkommen, welcher Denkschule er angehört. Gerade Finanzmärkte hält er für „krankhaft“ instabil. Umso komplexer sie sind, umso krisenanfälliger ist auch die dazugehörende reale Wirtschaft mit ihren Industrieunternehmen und Arbeitsplätzen. Damit bleibt Cooper nicht bei Keynes stehen. Er gelangt schnell zu dem ebenfalls verstorbenen Ökonomen, der aktuell angesagt ist, weil er Keynes Ideen weiterentwickelte. Und verfeinerte. Und daraus eine eigene Finanzkrisentheorie erdachte - die erklären kann, warum der Zusammenbruch des amerikanischen Schrotthypothekenmarktes als Virus auf andere Märkte und Länder übergesprungen ist: Hyman Minsky. Von Keynes ist es gedanklich nur ein kleiner Schritt zu Minsky. Aus Minskys Erkenntnis, dass eine Finanzmarktwirtschaft nicht im Gleichgewicht bleibt, sondern entweder euphorisch überschießt oder angsterfüllt abstürzt, ist es nur ein kleiner Schritt zur Forderung nach Zentralbanken. Sie sollen den Geldkreislauf bewachen und darauf schauen, was die Leute mit ihrem Geld machen, wie viel Geld gerade umläuft und wo neues herkommt. Neues Geld und: neues Anti-Geld.

          Neues Anti-Geld? Genau das ist das großartige Bild, mit dem Cooper in seinem Buch eindrucksvoll veranschaulicht, was eigentlich passiert, wenn eine Bank an irgendjemanden Geld verleiht. Zur Kreditvergabe gebe es eine sehr nützliche Analogie in der modernen Quantenphysik, schreibt er, die von dem deutschen Nobelpreisphysiker Werner Heisenberg entdeckt worden war: „Heisenberg erkannte, dass für kurze Zeit der Energieerhaltungssatz verletzt werden kann. Energie könnte geliehen und genutzt werden, um einen Typ Materie herzustellen, aus dem beispielsweise auch wir bestehen; parallel dazu entsteht ein lange unbekannter Typ, der heute als Antimaterie bekannt ist. In der Natur, so hat sich herausgestellt, können solche Materie-Antimaterie-Paare vorübergehend existieren, bevor sie sich wieder miteinander kombinieren und verschwinden.“

          Jeder entscheidet selbst, wie viel Gas er gibt

          Auf die Wirtschaft angewendet heißt das: Gibt eine Bank einem Kunden einen Kredit und schreibt das Geld auf dessen Konto gut, schafft sie nicht bloß neues Geld, sondern auch neues Anti-Geld (Schulden). Und wenn der Kunde den Kredit einmal zurückzahlt, verschwindet beides wieder. Jede Bank hat es somit selbst in der Hand, vorübergehend neues Geld zu erzeugen und ihren Kunden mithin neue Geldausgabemöglichkeiten einzuräumen.

          Was die Banker nicht hundertprozentig genau wissen können, ist, ob die Investitionsprojekte der Kunden aufgehen und sie das Geld tatsächlich zurückbekommen werden. Wenn das Geld nicht zurückkommt, bleiben die Banken auf dem Anti-Geld sitzen. Wenn sie das ausschließen wollten und deshalb aus dem Anti-Geld Anti-Wertpapiere gebastelt haben und diese zudem bereits weiterverkaufen konnten, bleiben andere auf dem Anti-Geld sitzen. Wenn nicht bekannt ist, wo und in welcher Höhe das Anti-Geld liegt, dann sinkt das Vertrauen zwischen Banken und Banken und zwischen Banken und Anti-Banken. Im Extremfall stürzt ein ganzes Finanzsystem in die Krise - weil es neben zu viel Anti-Geld auch zu viele Anti-Kunden, Anti-Banken und mitunter sogar Anti-Staaten gibt.

          George Cooper hat mit seinem Buch geschafft, diese moderne Finanzinfrastruktur, auf der mehrere hundert Millionen Menschen ihre häufig geteilten Hoffnungen und Ängste durch Geldanlegen ausleben können, in leichten Worten und mit klaren Bildern darzustellen. Dabei kommt ihm zugute, dass er selbst einer dieser Menschen ist. Ehemals Anlagestratege bei mehreren Großbanken, ist er heute Hedge-Fonds-Manager, ein Insider also, der aus dem Innenleben des Systems berichtet. Vielleicht bleibt er deshalb bei den durch die von ihm beschriebene Infrastruktur gesetzten Verhaltensanreizen und -möglichkeiten stehen und erspart sich, einen zweiten wichtigen Krisenursprung deutlich zu nennen: den, dass auf einer breiten Straße gefährlich schnell gefahren werden kann, die Fahrer aber immer noch selbst entscheiden, wie viel Gas sie geben.

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