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Plagiatsvorwurf : Von der Leyens Volltreffer

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen Bild: dpa

Ursula von der Leyen werden Plagiate in ihrer medizinischen Doktorarbeit vorgeworfen. Ob sich daraus eine Staatsaffäre entwickelt, hängt davon ab, wie sehr man die bekannten Schwächen medizinischer Promotionen in die Bewertung einbezieht.

          Dass an unsere Landesverteidigung besondere Maßstäbe angelegt werden, wenn es um Präzision und Autorität geht, kann uns allen nur recht sein. Gewehre, die nicht geradeaus schießen, wenn es heiß wird, und Führungspersonal, das auf dem Weg nach oben nicht zwischen mein und dein unterscheiden kann, muss uns beunruhigen. Deshalb sind die neuen Vorwürfe gegen die Verteidigungsministerin, sie habe den Guttenberg gemacht und sich ihr akademisches Lametta mit Schlamperei bis hin zur Schummelei verdient, für sich genommen schon alarmierend. Ob allerdings aus einem grenzwertigen, weil „mittelschweren Fall“, wie die Plagiatsjäger von VroniPlag schreiben, nun auch wieder eine lähmende Staatsaffäre mit anschließendem Autoritätsverfall zu werden droht, hängt nicht zuletzt von unserer Bereitschaft ab, Ursula von der Leyen die schon legendären Schwächen der Medizinerpromotion auch noch aufzubürden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Bisher ist von „einer Vielzahl eher kleinteiligen Übernahmen“ sowie ein paar Dutzend fehlerhaften bis fehlenden Verweisen auf Quellen und Fehlerübernahmen aus anderen Texten in ihrer Arbeit die Rede. In punkto Formalien war sie offenbar eher Kurpfuscher als Doktor. Auf der anderen Seite hat sie mit dem C-reaktiven Proteinnachweis als Quasi-Lackmustest für eine bedrohliche Entzündung des Embryos ein Thema übernommen, das in ihrem wissenschaftlichen Anspruch deutlich über dem Durchschnitt der üblichen Pro-forma-Forschung junger Mediziner liegt. An den Universitätskliniken stapeln sich die dürftigen fünfzig- bis sechzigseitigen Literaturrecherchen über angebliche Arzt- oder Zahnarztlegenden, reihenweise verbergen sich da Therapiewunder, die aus dem Mittelwert über sieben Patientenbetten hergeleitet wurden, und keiner der Absolventen dürfte jemals Schuldgefühle geäußert haben.Der Europäische Forschungsrat hat sich schon lange geweigert, die Promotionsarbeiten deutscher Mediziner, die fast immer deutlich vor der Abschlussprüfung und also mittendrin im langen, schwierigen Medizinstudium angefangen werden, als Äquivalent zur angelsächsischen Doktorarbeit (PhD) zu akzeptieren.

          Natürlich lässt sich leicht einwenden: Um den wissenschaftlichen Wert einer Medizinerpromotion geht es hier gar nicht, vielmehr geht es um formale Verstöße gegen die Erlangung eines Doktortitels. Die werden von ihrer Hochschule in Hannover jetzt sicher auch geprüft. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn wie in der Medizin „Türschildforschung“ nicht nur üblich, sondern geradezu zum professionellen Standard gehört, ist da die Schludrigkeit ins Schreibprogramm nicht automatisch eingebaut?

          VroniPlag ist jedenfalls voll von fragwürdigen Medizinerabschlüssen, wie man leicht nachlesen kann. Sie liefern die Mehrzahl der Plagiatsverdachtsfälle. Die Beschäftigung von der Leyens mit Entzündungen beim vorzeitigen Blasensprung im Entspannungsbad während der Geburtsvorbereitung ist da ganz offensichtlich nur wegen ihrer politischen Prominenz ein Ausreißer. Wissenschaftlich betrachtet, hat sie jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Ihr C-reaktives-Protein als Entzündungsparameter ist in der Medizinforschung noch immer ein willkommenes Thema. Mit den Sturmgewehren der Bundeswehr hat sie weniger Trefferglück.

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