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Volkszählung : Das große staatliche Datenraten

  • -Aktualisiert am

Relikt der Achtziger: Protestplakat gegen die Volkszählung Bild: Archiv

Das Thema gilt als politisch heikel - zu Unrecht. Denn 65 Prozent der Bundesbürger sind für eine neue Volkszählung. Und sie ist nötig: Wir wissen viel zuwenig über die Bevölkerung unseres Landes.

          6 Min.

          Bevölkerungsstatistiker gehören zu jener Spezies von Experten, die schon berufsmäßig jeder unnötigen Emphase fernstehen. Um so bemerkenswerter sind die deutlichen Worte, mit denen die Demographen jetzt eine neue Volkszählung anmahnen.

          Johann Hahlen, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, forderte jüngst eine deutsche Teilnahme an der EU-Zensusrunde im Jahr 2010. Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat auf die gravierenden Folgen mangelnder statistischer Daten etwa für die Einwanderungs- und Familienpolitik hingewiesen. Für den Heidelberger Sozialgeographen Peter Meusburger ist das Ausbleiben einer Volkszählung in Deutschland nicht nur „eine internationale Blamage, sondern ein ungeheurer Kulturverlust“.

          Wir kennen jedes Rindvieh

          Tatsächlich wissen wir heute vermutlich mehr über die Zusammensetzung der Bevölkerung im Kaiserreich als über die der Berliner Republik. Je länger die letzte Volkszählung zurückliegt, desto ungenauer werden die Annahmen der Bevölkerungsfortschreibung, die unter anderem durch die jährlichen Stichproben des Mikrozensus gewonnen werden, für den ein Prozent der Haushalte befragt werden. Die Wanderungsbewegungen seit der Wiedervereinigung und der Zustrom von Aussiedlern und Bürgerkriegsflüchtlingen sind nur unzureichend berücksichtigt. Wir kennen jedes Rindvieh in Deutschland, weil es zwei Marken im Ohr hat, aber wie und wo die Leute im Land leben, das wissen wir nicht.

          Erhebungsbögen zur Volkszählung 1987

          Es ist sicher kein Zufall, daß die Forderung nach einer neuen Volkszählung zuerst in den strukturschwachen neuen Bundesländern laut wurde. Bereits im Sommer warb der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck mit zwei guten Gründen für eine neue Volkszählung: „Statistiken werden korrigiert, und die Menschen werden parallel zur Informationskampagne Volkszählung an den demographischen Wandel herangeführt.“ Der Ruf nach einer neuen Volkszählung, dem sich jetzt auch mehrere CDU-Länderchefs unter Hinweis auf den demographischen Wandel angeschlossen haben, kommt allerdings überraschend. Denn noch vor einem Jahr verhinderte ausgerechnet der Bundesrat die Aufnahme demographisch und familienpolitisch relevanter Fragen in das Frageprogramm für die Jahre 2005 bis 2012.

          Der Gesetzgeber war taub

          Der Bundesrat strich die vorgesehenen Fragen nach dem Heiratsalter, der Nutzung von Kindertageseinrichtungen und der tatsächlichen Anzahl der Kinder aus dem Gesetzentwurf, „damit das derzeitige Fragenquantum nicht noch weiter ausgeweitet und die Qualität der Ergebnisse dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird“, so die seltsame Begründung. „Der politischen Diskussion um die Kinderlosigkeit fehlt damit die verläßliche statistische Grundlage“, kritisiert Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock. Seit zwanzig Jahren fordern Demographen, daß die Frage nach der Zahl aller, nicht nur der im Haushalt lebenden, Kinder in den Mikrozensus aufgenommen werde, klagt ein amtlicher Statistiker: „Aber der Gesetzgeber war taub“.

          Als vor fünf Jahren in der Bundesrepublik wieder keine Volkszählung stattfand, schrieb Heinz Grohmann, der ehemalige Präsident der Deutschen Statistischen Gesellschaft: „Jedes organische System bedarf der Informationen über sich und die Welt, in der es lebt. Sie sind Voraussetzung für eine lebenserhaltende Anpassung an die Umwelt und für eine lebensfördernde Gestaltung der Umwelt. Das gilt über alle Stufen der Evolution hinweg bis hin zum Menschen und zur menschlichen Gesellschaft.“

          Wahlen wären anfechtbar

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