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Virus und Kommunikation : Der stumme Kranke

Susan Sontag, 1986 Bild: Picture-Alliance

Im Jahr 1986 schrieb Susan Sontag die Kurzgeschichte „Wie wir jetzt leben“. Sie handelt von einer anderen Viruskrise und zeigt, wie sich die Kommunikation nach einer Ansteckung verändert. Eine Warnung in Zeiten der Pandemie.

          3 Min.

          Wie wir jetzt leben: Allein, zu zweit, als Gruppe, Familie in Zimmern mit Aussicht. Virtuell an Krankenbetten. In Sorge um die Welt im Ganzen. In Angst um uns selbst, um die Nächsten, die Ferneren. In Unsicherheit. Manche in Aufregung. Andere in Verleugnung. Die allermeisten noch im Bewusstsein, zu den Gesunden zu gehören, auch wenn es heißt, lange wird es so nicht bleiben. Wie verändern wir uns, wenn wir wissen, wir könnten die Nächsten sein, die erkranken? Oder zu den wenigen gehören, die uninfiziert davonkommen?

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          „Wie wir jetzt leben“: Das ist der Titel einer Kurzgeschichte aus einer anderen Viruskrise, 1986 geschrieben von Susan Sontag. Aids wird nicht genannt. HIV wird nicht genannt. Übertragungsketten werden nicht beschrieben. Worum es geht, war damals allen, die das im „New Yorker“ lasen, klar. Es war eine Krise wie keine zuvor.

          Ein Virus, von dem niemand wusste, woher es kam und wie es zu bekämpfen sei. Keine Impfung war in Sicht, die Infektion für viele ein Todesurteil. Eine Behandlung möglich einzig von Symptomen. Es war eine Krise, die zunächst vermeintlich nur bestimmte Gruppen zu betreffen schien, Schwule, Drogensüchtige, Prostituierte, bis sich herausstellte, das Virus war nicht wählerisch, es konnte jeden und jede erwischen, alle, die ein Sexualleben hatten oder Blutkonserven brauchten.

          Reaktionen einer Gruppe

          Susan Sontag hatte sich schon früh in einer Weiterschreibung ihres großen Krebs-Essays „Krankheit als Metapher“ essayistisch mit dem Aids-Thema auseinandergesetzt und vor allem die Kriegsmetaphorik (die wir heute wieder hören, nicht nur vom französischen Präsidenten) kritisiert, mit der die Stigmatisierung der Erkrankten und ihre Verdrängung aus der Gesellschaft, an deren Rand sie vermeintlich sowieso schon gestanden hatten, weiter vorangetrieben wurde. Es war ein kämpferischer Essay, analytisch, aufklärend, eingreifend. Warum schrieb sie zum Thema noch eine Kurzgeschichte?

          Weil sie in der literarischen Form etwas anderem auf die Spur kommen wollte als in ihrem früheren Essay: dem Verhalten und der Sprache der Wohlmeinenden. Weil sie nur fiktional oder fiktionalisiert erkunden konnte, wie die Infektion im engsten Umkreis kommunikations- und diskursverändernd wirkt. Und so kann diese Geschichte heute, bei allen Unterschieden der Krankheiten, eine Warnung, ein cautionary tale für den Umgang mit den Erkrankten sein.

          „Wie wir jetzt leben“ erzählt von der Reaktion einer Gruppe von Freunden auf die Aids-Infektion eines der Ihren. In Sontags Geschichte versammeln sie sich um den Kranken, der in ihren Gesprächen, auch wenn sie von ihm handeln, keinen Namen hat. Kaum erkrankt, ist er nur mehr Objekt. Freundlich besucht und beschenkt. Bedacht, beredet, umsorgt. Aber stumm. Selbst unter engen und weniger engen Freunden hat sich die Trennung zwischen „ihm“ und „uns“ vollzogen, zwischen dem Kranken und den anderen. Alle lieben ihn. Aber er ist fast schon nicht mehr da.

          Was wird aus der Sorge, wenn sie sich als begründet erweist?

          Susan Sontag schreibt das als durchgehenden Dialog mit mehreren Teilnehmern, einem Robert, einem Orson, einer Ellen, einer Clarice, einem Quentin, Lewis, Xavier, Max (der irgendwann, beiläufig erzählt, selbst auf der Intensivstation liegt), Stephen, Dony, Paolo, Greg, einer Kate, Aileen, Tanya und Hilda. Es ist ein durchgehendes Gequassel in bester Absicht und in Freundschaft; es gibt kurze Spannungen, minimale Gemeinheiten, eine kleine Konkurrenz um die Freundschaft des Erkrankten, um die Wahrnehmung seiner Zuwendung aus besseren Tagen.

          Will er Blumen oder lieber Schokolade? Weiß er, dass ein gemeinsamer Freund starb, sollte er es wissen? Er hat begonnen, ein Tagebuch zu schreiben, was hat das zu bedeuten? Ging es darum, etwas zu schreiben, das er später lesen könnte, erhob er also „listig Anspruch auf eine Zukunft“?

          Später, als er vorübergehend wieder zu Hause ist, heißt es: „Er wirke optimistisch, fand Kate, er hatte Appetit, und Orson zufolge hatte er erklärt, er stimme Stephen zu, der sagte, das Wichtigste sei, in Form zu bleiben, schließlich sei er ein Kämpfer“, und immer so weiter in einer endlosen Folge von Banalitäten und Zuschreibungen und begründeten Hoffnungen und unbegründeten.

          Schon jetzt ist klar, dass sich während der jetzigen Pandemie verändern wird, wie die Menschen, wie Freunde miteinander leben, was sie voneinander denken und wie sie übereinander sprechen: „Na ja, alle machen sich heute um alle Sorgen, das ist jetzt normal, so wie wir leben“, heißt es in dieser kurzen Geschichte von damals. So ist es auch heute, und die Frage ist, was wird aus der Sorge, wenn sie sich als begründet erweist?

          Wenn soziale Distanz, gegen die sich damals in der Aids-Krise die Anstrengungen von Aktivisten und auch von Susan Sontags Schreiben richtete, in Zeiten des Coronavirus gerade eine der wenigen Abwehrmöglichkeiten einer Infektion ist, wie lässt sich verhindern, die Infizierten vom Rest der Gesellschaft abzuspalten?

          Sprachlich, diskursiv? Wie kann eine Gesellschaft lernen, Menschen zu isolieren, um Ansteckung zu vermeiden, aber nicht so von ihnen zu sprechen, als seien sie schon nicht mehr da, die Alten, die Vorerkrankten, die anderen? „Kate erschauderte und ihr kamen die Tränen, worauf Orson besorgt fragte, ob er, Orson, etwas Falsches gesagt hätte, und sie wies ihn darauf hin, sie fingen schon an, wie im Rückblick von ihm (dem Kranken) zu sprechen, zu rekapitulieren, wie er war, warum sie ihn mochten, als wäre er am Ende, fertig, und gehörte bereits der Vergangenheit an.“

          Was für eine Gesellschaft dies sein wird, wenn die Pandemie überwunden ist, das wird nicht zuletzt auch davon abhängen, wie wir jetzt von den Erkrankten sprechen. Susan Sontags kurze Geschichte mahnt, ihnen dabei nicht nur ihre Würde, ihre Namen und ihre Stimmen zu lassen, sondern auch eine Zukunft.

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