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Zum Tod von Irm Hermann : Virtuosin der Hassliebe

Im Spiegel eines Genies: Irm Hermann mit Harry Baer in Rainer Werner Fassbinders Film „Pioniere in Ingolstadt“ von 1970 Bild: ddp Images

Fassbinder machte sie zum Star, Loriot weckte ihre humoristische Seite: Die Schauspielerin Irm Hermann stand mehr als fünfzig Jahre vor der Kamera und auf der Bühne. Nun ist sie, eine der Großen des deutschen Films, in Berlin gestorben.

          3 Min.

          Gibt es eine Frau, die jemals so sein wollte wie Irm Hermann in ihren Rollen bei Rainer Werner Fassbinder? So gedemütigt, so hin- und herkommandiert, so bösartig selbst, spießig noch im Negligé, so missgünstig, mürrisch, unterwürfig und immer bei dem falschen Mann, der falschen Frau?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht ein einziges Mal, ganz am Ende der „Bitteren Tränen der Petra von Kant“. Da ist Irm Hermann fast nur ein Schatten, ganz in Schwarz gekleidet, eine hochaufgerichtete schmale Gestalt im Gegenlicht. Dort steht ein Bett, auf ihm sitzt Margit Carstensen und schaut ihr zu. Mitten ins Bild stellt Irm Hermann einen Koffer, öffnet ihn und läuft los, von rechts nach links und zurück, und jedes Mal, wenn sie den Koffer passiert, lässt sie ein Stück Kleidung hineinfallen. Zum Schluss noch den Revolver. Ihre Bewegungen mathematisch abgezirkelt wie der Bildaufbau. Dann klemmt sie sich noch die Puppe unter den Arm, die in einem Sessel neben dem Bett steht, schließt den Koffer, nimmt ihn hoch und geht.

          Ein einziger großer Abgang in achtzehn gemeinsamen Filmen. Reicht das? Denn ist es nicht auch das, was den Reiz, die Anziehungskraft von Schauspielerinnen ausmacht: dass sie Möglichkeiten zu sein zeigen, Wege zum Selbst, dass sie Idole werden, Schwestern vielleicht? Dass wir sein wollen wie sie, einmal, irgendwann einmal, nur geträumt? Für Irm Hermann galt das nicht. Und doch war sie eine der Großen im deutschen Film, im Theater und im Fernsehen auch.

          Bilder einer untergegangenen Epoche

          Natürlich hatte das mit Fassbinder zu tun. Und es hatte damit zu tun, dass sie ihn verließ und eine andere wurde. Doch damit das möglich war, brauchte sie die Rollen, um die sie niemand beneidete und in denen sie so war, wie niemand sein wollte. Und sie brauchte Fassbinder, mit dem sie viele Jahre lang eine Hassliebe verband, was ja heißt: eine Liebe, auch wenn sie litt.

          „Angst essen Seele auf“ (Rainer Werner Fassbinder, 1974) Bilderstrecke

          Die Lektüre ihres Lebenslaufs ruft Bilder einer untergegangenen Epoche bundesrepublikanischen Nachkriegslebens auf, wie es später in Fassbinders Filmen so getreu und schmerzhaft wiederzufinden war. Ausgebildet war sie als Verlagskaufmann, wie in den frühen Sechzigern auch die Frauen in diesem Berufszweig hießen, und als Sekretärin, die auch damals schon weiblich waren. Ihre Arbeitgeber waren erst die „Quick“ und dann der ADAC – muss man da fragen, warum sie dabei war, als es mit Fassbinder und Hanna Schygulla an die Gründung des „action theater“ (das später „Antiteater“ hieß) ging? Ihre Schauspielkarriere begann dort. Das war 1966, und bis 1975 arbeitete Irm Hermann ausschließlich mit Fassbinder zusammen.

          Hysterie und Liebenswürdigkeit

          Als sie später einmal gefragt wurde, warum sie Erniedrigung und auch den Teil des Hasses in der Hassliebe ertrug, antwortete sie, Fassbinder sei der erste Mensch gewesen, der sie ernst genommen habe. „Er hat aus uns allen Stars gemacht.“ Und auch: „Er hat mich erkannt.“ Das galt, obwohl er ihr fast nur Rollen am Rande gab, mit einer Ausnahme: dem „Händler der vier Jahreszeiten“ im Jahr 1971. Auch da ist sie vor allem schlechtgelaunt. Auch da wird sie verprügelt. Auch da ist sie der Inbegriff der deutschen Spießerin, die, stünde sie vor der Wahl, vermutlich wieder in die Partei eintreten würde.

          Auch, um sich von Fassbinder, seinem Zirkel und seinem Erbe zu lösen, gingen einige der Schauspielerinnen, die er in seinen Filmen groß gemacht hatte, fort aus Deutschland: Hanna Schygulla und Ingrid Caven nach Paris, Barbara Sukowa nach New York. Irm Hermann blieb, wie auch Margit Carstensen. Und erweiterte den Radius, in dem sie sich bewegte, und ihr Repertoire. Sie spielte in Werner Herzogs „Woyzeck“, bei Hans W. Geißendörfer im „Zauberberg“, für Percy Adlon in „Fünf letzte Tage“ und dann doch noch zweimal für Fassbinder, in „Berlin Alexanderplatz“ und „Lili Marleen“. Und irgendwann wurde sie auch ungeheuer komisch. Bei Loriot, wenn sie mit spitzen Fingern, den kleinen abgespreizt, im Speisewagen ein blütenweißes Ei schält („Pappa ante portas“). Bei Christoph Marthaler, wenn sie deutsche Liebesschnulzen rezitiert („Tessa Blomstedt gibt nicht auf“). Und bei Christoph Schlingensief, mit dem sie eine besonders enge Beziehung verband. Ihre Zöllnerin im „Deutschen Kettensägenmassaker“ ist furchteinflößend, ihre Kanzlergattin in seiner „Berliner Republik“ an der Berliner Volksbühne so herrisch wie legendär.

          Auch wer sie nie gesehen hat, wird immer ihre Stimme erkennen. Den weichen bayerischen Tonfall, den sie nie ablegte, mit einem weit hinten in der Kehle gesprochenen R. Eine Stimme, die vom Alltäglichen ohne Registerwechsel ins Hysterische gleiten konnte. Oder von der Liebenswürdigkeit ins vollkommen Boshafte.

          Vielleicht aber gab es sie doch einmal, die Frauen, die sein wollten wie Irm Hermann in ihren Fassbinder-Rollen, die sich in ihr erkannten, die wussten, sie hatten allen Grund, mürrisch zu sein, und die hofften, sie könnten endlich einmal, wenn ihr Mann sagt, hol mal ein Bier, so wie sie antworten: Du Schwein. Am Dienstag ist Irm Hermann siebenundsiebzigjährig in Berlin gestorben.

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