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Überreste antiker Städte : Einwohner gibt es hier nicht mehr

Leptis Magna in Trümmern: Die Überreste der antiken Stadt in Libyen. Bild: IMA

Palmyra, Aleppo, Mossul, Leptis Magna: Vier im Bürgerkrieg zerstörte, vernachlässigte oder vom IS geschändete Orte werden im Pariser Institut du monde arabe in virtuellen Rekonstruktionen wiederbelebt.

          5 Min.

          Das Auffallendste an dieser Ausstellung sind die Menschen. Es sind nämlich keine zu sehen. Jedenfalls nicht in den animierten 3D-Darstellungen zerstörter Kulturerbestätten, die den Kern der Schau ausmachen und zugleich ihre Herangehensweise definieren. Mossul, Aleppo, Palmyra, Leptis Magna – diese vier nahöstlichen Orte stehen im Fokus der Ausstellung des Pariser Institut du monde arabe, die unter dem Einsatz modernster Technik Fragen nach dem Verhältnis von Zerstörung und Wiederaufbau, von Original und Kopie stellt. Also auch nach Authentizität. Es ist aber eine unbelebte Authentizität, denn Menschen, wie gesagt, fehlen in den digital rekonstruierten Stätten. Gibt es einfach niemanden in der Ruinenlandschaft Mossuls, über die der Besucher dahinschwebt? Oder wurden die Bewohner im Zuge der Digitalisierung der Daten „herausgerechnet“?

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Denn ansonsten scheinen die Darstellungen, die in den Räumen des IMA großformatig an die Wände projiziert werden, durchaus realistisch: In den Trümmern der nordirakischen Stadt Mossul, die am Beginn der Ausstellung steht, sind zahlreiche Details zu erkennen – Autos, die in Haufen aufeinanderliegen; Häuser, durchlöchert, zerquetscht, auseinandergerissen; der Schutt auf den Dächern und Straßen. Selbst die Graffiti an den Wänden sind im digitalen Rendering deutlich lesbar – eines von ihnen lautet „Fuck IS“.

          Vom Juni 2014 bis zum Juli 2017 hatte der IS, der „Islamische Staat“, in der Metropole geherrscht. Die Bildaufnahmen, die deren digitaler Rekonstruktion zugrunde liegen, entstanden kurz danach. Da war Mossul noch stark von den Gefechten gezeichnet. Zu den Schäden durch die Kämpfe kamen vorsätzliche Zerstörungen durch den IS. Kurz vor dem Abzug sprengten die Dschihadisten die Al-Nuri-Moschee mitsamt dem schiefen Minarett in die Luft. Wie so oft beim IS hatte die Handlung Symbolcharakter: An jenem Ort hatte 2014 Abu Bakr al Bagdadi das Kalifat des IS mit sich selbst an der Spitze proklamiert. Zuvor schon hatte der IS zielgerichtet weitere religiöse Stätten in der jahrtausendealten Stadt verwüstet. Wie auch im syrischen Palmyra. In Aleppo wiederum stammen die Schäden an der zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt von den Kämpfen zwischen dem syrischen Regime und den Aufständischen. Noch verschont von solcherart Verheerungen ist Leptis Magna, das im heutigen Libyen liegt – die Bedrohung dort ist eher die Vernachlässigung der antiken Stätte.

          Traurige Überbleibsel einstiger multikultureller Blüte: Der Tempel des Bal in Palmyra nach seiner Zerstörung durch den IS.
          Traurige Überbleibsel einstiger multikultureller Blüte: Der Tempel des Bal in Palmyra nach seiner Zerstörung durch den IS. : Bild: IMA

          Diese vier Fälle dienen dem IMA als Beispiele, um auf bereits geschehene oder drohende Zerstörungen von Weltkulturerbe hinzuweisen – und zugleich auf neue Methoden zu dessen digitaler Rekonstruktion, die für Archäologen und Kulturschützer ein wichtiges Hilfsmittel geworden sind. Aus diesem Grund, so erläutert es der IMA-Präsident und langjährige französische Kulturminister Jack Lang im begleitenden Katalog, wird in der Ausstellung bewusst ohne Exponate im herkömmlichen Sinn gearbeitet. Die Besucher werden nur mit audiovisuellen Eindrücken – digitalen Rekonstruktionen, Filmen, Fotografien, Tönen – konfrontiert. Das dafür massiv – der Besucher soll „eintauchen“ in das Thema. Konsequenterweise gibt es am Ende der Ausstellung mehrere Kabinen, in denen 3D-Brillen die Möglichkeit verschaffen, sich virtuell an die vier Orte zu versetzen. Diese Immersions- und Überwältigungsstrategie geht freilich nur teilweise auf – sie schafft ihre eigenen Widerstände.

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