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Virtuelle Bürgerschaft : Wer will da nicht Este werden?

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Taavi Kotka, der IT-Leiter des e-Residency Projekts präsentiert die digitale Bürgerschaft und ihre Vorteile. Bild: AFP

Seit kurzem kann jeder eine „digitale Staatsbürgerschaft“ Estlands beantragen. Das soll für ihre Erfinder Märkte beschleunigen und Bürokratie abbauen. Doch es setzt auch ein Zeichen.

          Auch Menschen, die mit den Namen Arvo Pärt oder Eda-Ines Etti nichts anfangen, können seit dem 1. Dezember virtuelle Staatsbürger der Republik Estland werden. Für diese Einbürgerung wird weder bestimmtes Wissen vorausgesetzt, noch der Wechsel des Wohnorts oder gar das Erlernen der Sprache.

          Die e-Residency ist eine virtuelle Identität, die an nicht estnische Einwohner vergeben werden kann. Sie wird staatlich geprüft und gesichert und ermöglicht eine digitale Authentifizierung und die digitale Unterzeichnung von Dokumenten. Wer ein virtueller Einwohner Estlands wird, hat aber keineswegs das Recht auf einen physischen estnischen Wohnsitz, auch kein Einreiserecht für Estland oder die EU.

          Estland stellt lediglich eine sichere digitale Infrastruktur zur Verfügung, die von allen Bürgern der Welt genutzt werden kann. So sollen sich nun auch Ausländer in öffentlichen und privaten Online-Portalen Estlands anmelden können. Ursprünglich kam diese Idee auf, um vor allem ausländischen Geschäftsleuten das Leben zu erleichtern. Man kann so sehr viel leichter eine Firma mit Niederlassung in Tallinn gründen, Firmen online registrieren und digital Verträge unterzeichnen.

          Eine staatenlose Welt

          Eine vom Staat zertifizierte digitale Unterschrift kann die Abwicklung internationaler Geschäfte beschleunigen, da die zu unterzeichnenden Dokumente nicht mehr den langen und teuren Postweg gehen müssen. Durch die Authentifizierung kann innerhalb von Sekunden das entsprechende Dokument hin und her geschickt werden. Das Einzige, was man für die Unterzeichnung der Dokumente machen muss, ist einen 5- bis 12-stelligen PIN einzugeben. Das soll sogar auf mobilen Geräten funktionieren.

          Somit könnte das Abschließen von Verträgen zu einem komplett papierlosen Prozess werden. Die Regierung Estlands wirbt damit, dass sie so monatlich einen Papierberg in Höhe des Eiffelturms einsparen könne. Estland macht sich auf diese Weise für neue Geschäftsfelder attraktiv. Aber auch Privatpersonen, die sich dem Land sehr verbunden fühlen und oft dorthin reisen, können davon profitieren.

          Um ein virtueller Este zu werden, muss man lediglich zu einer Polizeistation oder einem Grenzposten Estlands gehen und seine biometrischen Daten erfassen lassen. Passbild und Fingerabdrücke werden für einen Hintergrundscheck benötigt. Die Entscheidung fällt innerhalb von zwei Wochen und wenn alles in Ordnung ist, wird der Personalausweis dem Antragsteller an der Polizeiwache oder dem Grenzposten ausgehändigt. Die Gebühr dafür beträgt einmalig 50 Euro. Bis Ende 2015 sollen die Kapazitäten der Botschaften ausgebaut werden, damit Anträge auch außerhalb des Landes gestellt werden können. Der erste virtuelle Einwohner Estlands wurde Edward Lucas, ein Journalist des Magazins The Economist.

          Estland ist klarer Vorreiter, was digitale Staatsbürokratie angeht. Bereits seit dem Jahr 2000 arbeitet Estland an der Digitalisierung behördlicher Vorgänge und der digitalen Stimmabgabe bei Wahlen.
           

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