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Villa Grisebach in Berlin : Freud und Leid des Auktionators am Pult

František Kupkas Frauenbildnis „Der rosafarbene Hut“ von 1906 brachte 280.000 Euro. Bild: Villa Grisebach

Die Auktionen der Berliner Villa Grisebach zeigen, wie sich der Geschmack verändert. Die Moderne kämpft, das 19.Jahrhundert triumphiert.

          3 Min.

          Der Lauf der Dinge bei der Hauptveranstaltung „Ausgewählte Werke“ der Berliner Villa Grisebach war diesmal von zahlreichen, auch unerwarteten Rückgängen gekennzeichnet. Gleich die ersten zwei Lose, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, mussten ohne Gebote zurückgehen, dabei ihr eindringlicher „Kopf eines italienischen Mädchens“ (Taxe 200.000/250.000 Euro); selbst dafür regte sich keine Hand. Dann kam Lehmbrucks Steinguss der„Frauenbüste (Büste Frau L.)“, der zuletzt 2008 in London für umgerechnet 865.000 Euro zugeschlagen wurde, durch ein Gebot im Saal nur auf seine Untertaxe von 400.000 Euro. Zum schönsten Lichtblick geriet, als zehnter Aufruf, ein fesselndes frühes Frauenbildnis František Kupkas: „Der rosafarbene Hut“ von 1906 wurde von einem Telefonbieter auf 280.000 Euro (120.000/150.000) angehoben.

          Nicht ein Gebot erfolgte auf Paula Modersohn-Beckers Gemälde „Kopf eines italienischen Mädchens“ von 1906. Villa Grisebach hatte sich 200.000 bis 250.000 Euro erhofft.
          Nicht ein Gebot erfolgte auf Paula Modersohn-Beckers Gemälde „Kopf eines italienischen Mädchens“ von 1906. Villa Grisebach hatte sich 200.000 bis 250.000 Euro erhofft. : Bild: Villa Grisebach
          Rose-Maria Gropp
          (rmg), Feuilleton, Kunstmarkt

          Ausgesprochen unschön für das Haus war dann der Rückgang des mit weitem Abstand Spitzenloses, nämlich Heinrich Campendonks „Landschaft mit zwei Kühen“, für die eine hochgespannte Erwartung von zwei bis drei Millionen Euro galt. Der erfahrene Peter Graf zu Eltz am Pult gab sich alle Mühe, das für den Künstler typische Gemälde von 1906 hochzuziehen – ohne Erfolg. Er musste sein Scheitern ohne ein einziges Gebot an Telefonen oder aus dem Saal zur Kenntnis nehmen – so dezent wie möglich. Müßig sind Erwägungen, ob das Vertrauen in Werke des rheinischen Expressionisten, selbst bei wasserdichter Provenienz, durch den Fälscher Wolfgang Beltracchi nachhaltig beschädigt sein könnte.

          Fand keinen Abnehmer: Heinrich Campendonks Gemälde „Landschaft mit zwei Kühen“ von 1914, geschätzt auf 2 bis 3 Millionen Euro
          Fand keinen Abnehmer: Heinrich Campendonks Gemälde „Landschaft mit zwei Kühen“ von 1914, geschätzt auf 2 bis 3 Millionen Euro : Bild: Villa Grisebach

          Womöglich wendet sich das Interesse der wirklich zahlungskräftigen Klientel im deutschen Auktionsmarkt aber anderen Objekten aus der Klassischen und jüngeren Moderne zu. Eine dekorative „Fuchsie vor Mondlandschaft“ von Gabriele Münter kam dabei noch gut weg mit 360.000 Euro (270.000/290.000), aber Karl Schmidt-Rottluffs relativ späte „Philodendron und Clivia“ von 1947 (140.000/ 180.000) hielt nicht stand. Auch hochdotierte Papierarbeiten von Nolde, Kandinsky oder Klee hatten das Nachsehen. Karl Hofers feines „Traubenstillleben“ von 1928 mit 100.000 Euro (40.000/60.000) und der berührende „Alte Mann mit Kind“ mit 150.000 Euro (150.000/200.000) hielten stand. Zum Ausreißer entwickelte sich Ben Nicholson mit seinem nur 24 mal siebzehn Zentimeter kleinen „White Relief“ von 1934, eigentlich ein Fremdling im Programm, mit Vorprovenienz Galerie Beyeler und seit 1971 in Schweizer Privatbesitz: Ein Londoner Händler im Saal erstritt es, gegen hartnäckigen Widerstand am Telefon, schließlich bei 430.000 Euro (120.000/150.000). Eine grade neunzehn Zentimeter hohe, eiserne „Estela a Picasso“ von Eduardo Chillida erreichte durch Saalgebot gar 450.000 Euro (180.000/ 240.000). Der Rest war leider vielfach Schweigen.

          Max Liebermanns „Schafherde“ wurde bei 460.000 Euro zugeschlagen (300.000/400.000).
          Max Liebermanns „Schafherde“ wurde bei 460.000 Euro zugeschlagen (300.000/400.000). : Bild: Villa Grisebach

          Es mag ein Trost sein, dass am Tag zuvor das 19. Jahrhundert für gute Laune gesorgt hatte. Fast konnte man es ahnen: Zu einem der Hits wurde Franz von Stucks gewagtes Haschen am Strand zwischen „Faun und Nymphe“ (F.A.Z. vom 24.Mai). Erst bei 180.000 Euro (50.000/70.000) fiel der Hammer für das telefonische Gebot eines deutschen Sammlers, gegen das Untergebot von Springer-Chef Mathias Döpfner im Saal. Ganz durch die Decke ging aber August Kopischs psychedelische Phantasie „Ein Schiff auf dem Meere von Delphinen umschwärmt“, als der Kunsthändler Wolfgang Wittrock im Saal entschlossen einstieg, bis er den Zuschlag bei 68.000 Euro (8.000/12.000) hatte; ob für sich oder im Auftrag, mochte er sich nicht recht festlegen lassen. Die prä-surrealistischen Bizarrerien des 19.Jahrhunderts scheinen überhaupt ihren Siegeszug angetreten zu haben, wie auch Thomas Fearnleys steiler „Arco naturale, Capri“ bewies, den die Repräsentantin des Hauses für Norddeutschland erst bei 65.000 Euro (10.000/15.000) gegen zähen Widerstand erobern konnte. Endlich zauberte die großformatige, sehr exzentrische „Sinnliche Nacht“ von Hanns Pellar aus dem Jahr 1912 Sterne an den Horizont mit sagenhaften 145.000 Euro (25.000/35.000), die von Deutschland privat dafür eingesetzt wurden.

          Franz von Stuck „Faun und Nymphe“ erzielte 180.000 Euro (Taxe 50.000/70.000 Euro).
          Franz von Stuck „Faun und Nymphe“ erzielte 180.000 Euro (Taxe 50.000/70.000 Euro). : Bild: Villa Grisebach

          Zum teuersten Los des Nachmittags avancierte Liebermanns beruhigend sonnige „Schafherde“ bei 460.000 Euro (300.000/400.000), die ebenfalls im Land bleibt. Joseph Anton Kochs vielfigurige „Landschaft mit Apoll unter den Hirten“, die seit 1952 in Schweizer Privatbesitz schlummerte, fand ihren Weg durch Telefongebot in eine amerikanische Sammlung für 250.000 Euro (140.000/180.000). Und Oswald Achenbachs filmreifer Prospekt der „Fontana di Trevi“, der bisher, laut Katalog, nur aus einem Brief des Künstlers, nicht aber als Abbildung bekannt war, erforderte den Einsatz von 46.000 Euro (14.000/18.000). Freilich stoben so manche Blättchen ohne Gebot in den Wind, andere Schätzchen auf Papier machten dafür Karriere: so C. T. Gregorovius’ extrem hübscher „Blick vom Museum am Lustgarten zum Berliner Stadtschloss“, eine klassische Berlinensie, für die der geduldige Auktionator minutenlang Gebote annahm, die erst bei 17500 Euro (1.000/1500) endeten; oder Josef Sellenys wuchernde „Pflanzenstudie“ in Öl auf Karton, die mit 28.000 Euro (3500/4500) überraschte. Manchmal muss es eben Liebe sein – oder wenigstens Attraktion. Die beiden – mal ehrlich: nicht wirklich aufregenden – Blätter von Caspar David Friedrich zollten dem Großmeister, ohne Aufhebens, mit ihren hohen Untertaxen von 60.000 und 40.000 fälligen Tribut. Es war viel Bewegung im Saal, die mit einem Umsatz von 2,9 Millionen Euro belohnt wurde, was einer Zuschlagsumme von 2,35 Millionen entspricht, gegenüber der Gesamtschätzung von 1,5 bis 1,9 Millionen Euro. Das kann man einen Erfolg nennen.

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