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Blogger in Russland angeklagt : Erogene Zonen

  • -Aktualisiert am

Ein Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche segnet bei einer Wassertaufe die Mitglieder seiner Gemeinde. Bild: dpa

Wie Zeiten sich ändern: In der Sowjetunion konnte das Bekenntnis zum christlichen Glauben geradewegs in die Psychiatrie führen. In Putins Russland ist es gerade umgekehrt.

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          Im südrussischen Stawropol steht der Blogger Viktor Krasnow vor Gericht, weil er in dem sozialen Netzwerk „vkontakte“ erklärt hat, es gebe keinen Gott, und die Bibel sei eine Sammlung jüdischer Märchen. Krasnow, ein überzeugter Atheist, hatte sich an einer Internetdiskussion über die Frage beteiligt, wer das Oberhaupt einer Familie zu sein habe. Als ein Nutzer behauptete, die Bibel bestimme den Mann zum Haupt über die Frau, wie auch Christus Haupt aller Männer sei und Gott das Haupt Christi, verspottete Krasnow die buchstabengetreuen, aggressiven Deutungsversuche der Bibel durch orthodoxe Glaubensfanatiker.

          Daraufhin schrieben zwei junge Leute an die Staatsanwaltschaft, Krasnow habe ihnen moralischen Schaden zugefügt und ihre religiösen Gefühle beleidigt, was seit 2013 ein Straftatbestand ist. Fahndungsbeamte kamen zu Krasnow nach Hause, konfiszierten seinen Computer und steckten ihn selbst in eine psychiatrische Klinik. Einen Monat verbrachte er unter Mördern und Vergewaltigern – wahrscheinlich sollte er so daran gehindert werden, Verteidiger im Netz zu mobilisieren, glaubt Krasnow – und wurde mit der Diagnose „voll zurechnungsfähig“ wieder entlassen. Zum Prozess gegen Krasnow wurden seine Denunzianten, die zwischenzeitlich erklärt hatten, sich nicht daran beteiligen zu wollen, mit Gewalt eskortiert. Doch sie wiederholten nur ihre Weigerung. Auch offizielle Vertreter der orthodoxen Kirche wollen sich nicht zu dem Verfahren äußern. Außer einigen radikalen orthodoxen Aktivisten, die mit Plakaten und Kreuzen beim Gericht anrückten, macht allein der Staat einem ungläubigen Bürger den Prozess.

          Die religiösen „erogenen Zonen“ wechseln ständig

          Krasnow droht ein Jahr Freiheitsentzug. Der Fall ist umso ironischer, als in noch gar nicht ferner Vergangenheit, zur Zeit der Sowjetunion, umgekehrt das Bekenntnis zum christlichen Glauben äußerst gefährlich war. Wer das öffentlich tat, riskierte, in die Zwangspsychiatrie gesperrt zu werden, und zwar für mehr als nur einen Monat. Dem Sowjetbürger wurde seit dem Kindergarten eingetrichtert, dass es Gott nicht gibt; Kosmonauten, die den Himmel selbst aus nächster Nähe in Augenschein nehmen konnten, bestätigten das. Sich zum Atheismus zu bekennen war guter Ton, nicht verletzender, als wenn jemand sagt, er glaube nicht an den Weihnachtsmann.

          Der orthodoxe Missionar Andrej Kurajew hält das Verbot, Religionen zu kritisieren, überhaupt für abwegig und unchristlich. Das Christentum sei selbst eine polemische Religion, so Kurajew. Das Evangelium beleidige viele jüdische Anhänger des Alten Testaments, Märtyrer seien für ihre Kritik an anderen Glaubensrichtungen gestorben. Außerdem sei es Unsinn, Gefühle gesetzlich zu schützen, findet der streitbare Christ. Denn die religiösen „erogenen Zonen“ wechselten, sie seien bei jedem Gläubigen andere und hätten mit dem Evangelium nichts zu tun.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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