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Viktor Jerofejew über Russlands neue Stärke : Die Krim ist Putins Meisterstück

  • -Aktualisiert am

Über die Krim zurück zur Großmacht Bild: dpa

Obama hat Russland als Regionalmacht bezeichnet. Aber kann eine Regionalmacht der ganzen Welt ihren Willen aufzwingen, wie Russland es auf der Krim getan hat?

          Die Welle von Empörung und Verwünschungen, Drohungen und Beleidigungen, die sich in letzter Zeit seitens der westlichen Massenmedien und einiger Politiker über Russland ergossen hat, spricht vor allem von der geringen Kenntnis des Charakters des russischen Volkes. Der russischen Seele geht ihre Vorstellung von Gerechtigkeit, Gut und Böse über alle internationalen Vereinbarungen. Sie jubiliert über die Rückkehr unserer „russischen“ Krim. Russlands Regierende haben die politischen Differenzen innerhalb der postrevolutionären Ukraine ausgenutzt. Sie waren ohnehin überzeugt, dass der Westen ihnen die Annexion der Krim letztlich verzeiht. Russland agiert aus einer Position der Stärke und nähert sich damit dem verlorenen Status einer Großmacht an.

          Rückkehr ins russische Paradies

          Russland hat intuitiv immer gewusst, dass es von der westlichen Zivilisation nicht geliebt wird. Und das nicht etwa, weil es schlechter ist als sie, sondern weil es besser ist, spiritueller und reicher an Perspektiven. Russland erinnert sich vor allem dann an seine Qualitäten, wenn man es erniedrigt und beleidigt. Um das Volk zum Anstimmen des Hohelieds seiner einzigartigen Größe zu animieren, eignet sich ein Konflikt mit dem Westen mehr als Freundschaft. Zudem hat der Westen sehr lange über antirussische Sanktionen nachgedacht und dabei Unentschlossenheit, Inkonsequenz und Kleinkrämerei gezeigt, was ebenfalls nicht dem russischen Charakter entspricht. Der besagt: wenn schon bestrafen, dann richtig! Wenn schon verzeihen, dann richtig! Wer anders handelt, muss mit russischer Verachtung rechnen.

          Kein Wunder, dass Russland sich darangemacht hat, seine Gebiete einzusammeln. Putin hat diesen Weg von Anfang an beharrlich verfolgt. Die Krim - das ist keine Überraschung. Ich höre von allen Seiten und von unterschiedlichen Leuten, Putin werde als Wiedervereiniger der Krim mit Russland in die Geschichte unseres Landes eingehen. Die Krim hat das russische Volk mit dem Staat vereint, Putins Ansehen stark angehoben, den nationalen Patriotismus befeuert, die Bevölkerung zu neuen großen Taten mobilisiert und sie vom Westen entfernt. Hätte es den Skandal um die Einnahme der Krim nicht gegeben, man hätte ihn zur Stärkung Russlands erfinden müssen.

          Aus der Perspektive des Russen ist die Krim ins russische Paradies zurückgekehrt. Paradies meint hier nicht materiellen Überfluss. Wir sind die Nachfahren der Heiligen Rus und die ewigen Erbauer des Dritten Roms, als welches das orthodoxe Christentum Moskau schon seit vielen Jahrhunderten hochpreist. Was kümmert es uns, dass der Westen sich von uns abwendet und wir materiell schlechter leben werden? Askese und Isolation bestätigen nur, dass wir im Recht sind.

          Der doppelköpfige Adler plustert sich auf

          Genau das ist der Grund, warum Barack Obama, wenn er Russland zur Regionalmacht erklärt und Russlands Drohungen gegen seine Nachbarn nicht als Stärke, sondern als Schwäche auslegt, Putin im Grunde in die Hände arbeitet. Diese Aussage offenbart den Mentalitätsunterschied zwischen dem Westen und Russland. Die Russen reagieren empfindlich, wenn das Ausland sie beurteilt. Obama ist ihnen mit seiner Regionalmacht gehörig auf die Hühneraugen getreten. Möglicherweise konstatiert Obama lediglich die Realität und ahnt gar nicht, dass er eine Beleidigung ausgesprochen hat (obwohl ich das nicht glaube), aber für den Russen wiegt eine Beleidigung schwerer als die Realität. Der Russe hasst Arroganz am meisten, und dergleichen Äußerungen durch den Präsidenten einer Großmacht sind für ihn unverzeihlich. Doch hat Obama möglicherweise recht mit seinem Wort von der Regionalmacht?

          Wenn man an die allseits bekannten Regionalmächte wie zum Beispiel Kanada, Mexiko, Iran, Ägypten, Türkei denkt, dann ist klar, dass Russland in vielerlei Hinsicht stärker ist als sie. Allerdings kann man das heutige Russland, was den Einfluss auf die Welt betrifft, nicht vergleichen mit dem russischen Imperium des 18. und 19. Jahrhunderts oder der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Das heutige Russland hat sich das deutlich erkennbare Skelett einer Großmacht bewahrt, aber dem doppelköpfigen Adler mangelt es noch an mächtigem Gefieder.

          Putins größter Traum besteht offenbar in der Erschaffung einer vollwertigen Großmacht auf der Grundlage eines eurasischen Imperiums. Was ist dafür nötig? Obama meint, Bedrohung der Nachbarn sei ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke. Aber als künftige Großmacht sieht Russland das anders. Russland macht seinen Nachbarn mit seiner geistigen Stärke Angst, und allein unter dem Druck dieses Geistes sollen sie zu Staub zerfallen. So reden nicht etwa ein paar politische Fanatiker daher, nein, so denkt ein großer Teil des russischen Volkes.

          Nur die Ukraine fehlte noch

          Damit Russland als Großmacht wiedererstehen kann, braucht es nicht allzu viel. Dies sind die vier Komponenten einer Großmacht: die militärische, die politische, die ökonomische und die kulturelle. In militärischer Hinsicht reichen uns unsere Atomwaffen, obwohl man gewaltig in die Entwicklung neuer Waffensysteme investieren müsste. Die Krim hat gezeigt, dass wir uns auch bei lokalen, so gut wie unblutigen Operationen geschickt anstellen. Unsere Politik durchläuft gerade erfolgreich den Test zur Großmachttauglichkeit. Erst nehmen wir uns völkerrechtswidrig die Krim, dann spielen wir auf erstaunliche Weise die Karte Ostukraine, und der Westen, besorgt ob eines möglichen Einmarschs in die Ukraine, überlässt uns de facto die schöne Krim, schön wie die italienische Riviera. Ist das etwa kein russisches Meisterstück, ein kleines bisschen gerechtfertigt durch die westlichen Aktionen im Kosovo, Irak und in Afghanistan?

          Viktor Jerofejew über Russlands neue Stärke: „So denkt ein großer Teil des russischen Volkes.“

          In kultureller Hinsicht sind wir ja seit dem 19. Jahrhundert eine Großmacht und fahren fort, eine zu sein, und sei es aus Gewohnheit. Mit seinem lebendigen kulturellen Leben in Moskau und anderen Städten steht Russland gar nicht schlecht da. Bleibt die Wirtschaft. Hier haben wir es mit einem nationalen Paradoxon zu tun: Historisch betrachtet, ist Russland unabhängig von den Leistungen seiner Wirtschaft zur Großmacht geworden. Unsere heutige Wirtschaft hat keinerlei Ähnlichkeit mit der Wirtschaft einer Großmacht. Sie nimmt sich im Vergleich zu China, Japan oder dem Westen bescheiden aus. Unsere besten ökonomischen Hebel sind Öl und Gas. Allerdings verträgt unser neuer Patriotismus keine Kritik - weder an unserer Wirtschaft noch an anderen Dingen.

          Aber wir hinken nicht nur auf dem ökonomischen Bein. Für die Wiederherstellung einer Großmacht brauchen wir die Weiten des russischen Imperiums oder der Sowjetunion. Russland ist es bereits gelungen, infrastrukturelle Maßnahmen wie etwa die Schaffung einer Zollunion mit Belarus und Kasachstan umzusetzen. Offensichtlich fehlte nur noch die Ukraine. Und ausgerechnet jetzt musste mit ihr so ein Unglück geschehen!

          Der Sieg Europas am Horizont

          Dieses Unglück interpretiert Russland auf seine Weise. Es schiebt die Schuld dafür auf den Westen. Der heimtückische Westen wollte die Ukraine ihrem Blutsbruder wegnehmen. Der große russische Bruder hat nichts unversucht gelassen, um der Ukraine zu verstehen zu geben, dass sie alles verliert, wenn sie sich dem Westen zuwendet. Unsere Propaganda hat sich selbst übertroffen. Ich bin beeindruckt von ihrer Fähigkeit, eine dermaßen massive Attacke zu fahren. Das war wie ein Raketendauerbeschuss. Aber nichts hat geholfen. Im Moment des Umsturzes spielten die radikalen Kräfte der ukrainischen Nationalisten eine aktive Rolle. Die Revolution kennt keine politische Etikette. Und im Moment des politischen Chaos in Kiew richtete Russland seine Aufmerksamkeit auf die Krim.

          Ich bin über viele Jahre oft auf der Krim gewesen - ich habe in Koktebel ein Haus am Meer gebaut - und weiß aus eigener Erfahrung, dass sich die Ukraine nicht besonders um die Krim gekümmert hat. Die Leute haben dort immer ärmlich gelebt. Die Straßen waren schlecht. Die Krimtataren wollten mehr Autonomie. Die Freude über die Wiedervereinigung der Krim mit Russland war echt. Sollte sich aber die Ukraine letzten Endes definitiv Europa zuwenden, keine Dummheiten machen, mit dem Radikalismus und Separatismus fertigwerden, dann zeichnet sich am Horizont ein Sieg Europas ab.

          Hehre Träume von der Großmacht

          Die Ukraine muss gar nicht in die Nato eintreten, um die Idee des eurasischen Imperiums unrealistisch erscheinen zu lassen. Ohne die Ukraine wird das Imperium nicht vollwertig sein. Eher noch wird es überhaupt keines geben. Bei solch einer Konstellation ist Russlands Triumph auf der Krim ein großer, aber lokal begrenzter Erfolg. Er hat - im Vergleich zur Abwanderung der Ukraine in den Westen - keinerlei strategische Bedeutung.

          Bis jetzt ist allerdings noch nichts entschieden. Niemand weiß, wo sich Bluff und Wahrheit in den diplomatischen Spielen beider Seiten finden. Niemand weiß, wie viel Verantwortung und politische Reife die Ukraine bei ihren Präsidentschaftswahlen und weiterhin beim Übergang nach Europa zeigen wird.

          Könnte Russland auch ohne die Ukraine eine Großmacht sein? Warum nicht? Ich denke, eine bipolare Welt ist nicht nur auf der Grundlage einer Konfrontation möglich. Wenn Russland sich langfristig als demokratisches Land erweist, dann werden sein politisches Potential und kulturelles Prestige es zu einem attraktiven Land machen. Für die Welt. Und auch für seine Nachbarn. Dann könnten Russland und die Ukraine die Krim-Frage etwa so lösen, wie die Europäer beispielsweise die Frage des Elsass gelöst haben. Aber das ist eine langfristige Perspektive, und bisher bewegt sich mein Land noch in eine andere Richtung, auf der Suche nach sich selbst, schwelgend in triumphierendem Patriotismus, in Jubelfeiern mit Feuerwerk anlässlich des Anschlusses der Krim, in hehren Träumen von der Großmacht und dem Dritten Rom.

          Aus dem Russischen von Beate Rausch

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