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Vier gewinnt beim Turner-Preis : Eine tiefe Verbeugung vor dem Zeitgeist

  • -Aktualisiert am

Tai Shani, Lawrence Abu Hamdan, Helen Cammock und Oscar Murillo haben den Turner-Preis gewonnen Bild: dpa

Sie hatten nichts gemeinsam – außer dass sie für den Turner-Preis nominiert waren. In einem subversiven Akt kaperten vier Künstler die Auszeichnung gemeinsam. Was uns die Reaktion der Jury verrät.

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          Lawrence Abu Hamdan nennt sich ein „Spürohr“, um den detektivischen Charakter seiner Zeugenaufnahmen hervorzuheben. Der gebürtige Jordanier hat aus den akustischen Erinnerungen von Gefangenen, darunter den Überlebenden des syrischen Militärgefängnisses in Saidnaya, eine aussagekräftige audiovisuelle Installation geschaffen. Sie vermittelt durch die Klangwelt der Häftlinge, die Geräusche stärker wahrnahmen, weil ihnen die Augen verbunden waren, nicht nur ein plastisches Bild der Einkerkerung, sondern erkundet auch das Wesen von Erinnerung, persönlicher Wahrnehmung und Wahrheit.

          Helen Cammock hat einen 99 Minuten langen Film gedreht, der Archivmaterial, aktuelle Interviews und Lieder collagiert, um die nach ihrem Empfinden vernachlässigte Rolle von Frauen in der nordirischen Bürgerrechtsbewegung zu Beginn der Unruhen zu beleuchten. In der Installation „Kollektives Gewissen“ des aus Kolumbien stammenden Künstlers Oscar Murillo sitzen zwanzig lebensgroße Figuren aus Pappmaché und Stroh auf Kirchenbänken und starren auf eine schwarze Leinwand, die das Fenster mit Blick zum Meer so gut wie verdeckt – ein Sinnbild ausgebeuteter globaler Arbeiterschaft.

          Im Namen der Vielfalt

          Tai Shani nimmt das mittelalterliche „Buch von der Stadt der Frauen“ als Ausgangspunkt für ihre „postpatriarchalische“ Phantasiewelt, die bestückt ist mit surrealistischen allegorischen Figuren. Diese vier Künstler haben nichts gemeinsam, außer dass sie für den Turner-Preis nominiert wurden, die wichtigste britische Kunstauszeichnung, die in diesem Jahr in Margate vergeben wird, einem Seebad an der englischen Südostküste, dessen Nordlicht William Turner immer wieder dorthin zog. In einem subversiven Akt, den sie wohl auch als Ausdruck von künstlerischer Kreativität betrachten, haben die vier Bewerber den Preis gekapert durch die Bildung eines Kollektivs und die Bitte, sie gemeinsam zu prämieren.

          Die Künstler wollen diese Aktion als „kollektive Aussage im Namen der Allgemeinheit, der Vielfalt und der Solidarität“ verstanden wissen, in einer Zeit der politischen Krise, in der es bereits zu viel gebe, was Menschen und Gemeinschaften spalte und isoliere. Und die Jury hat gehorcht. Sie erklärte sich „geehrt“, den „kühnen Ausdruck von Solidarität und Zusammenarbeit“ unterstützen zu dürfen. Der symbolische Akt spiegele „die politische und soziale Poetik“, die man als Jury am Werk der vier Künstler bewundere und schätze. Man kann darin eine noble Geste sehen. Oder eine tiefe Verbeugung vor dem Zeitgeist.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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