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Vier Fragen an Malakoff Kowalski : Wie Luft zum Atmen für mich

  • Aktualisiert am

Der Musiker Malakoff Kowalski hat sein neues Sonatenalbum „Piano Aphorisms“ veröffentlicht und die Filmmusik zu Leander Haußmanns „Stasikomödie“ geschrieben.

          3 Min.

          Was hören Sie?

          Eigentlich ununterbrochen meinen Tinnitus. Schon seit meiner Kindheit. Ich kenne es nicht anders. Es pfeift in meinem Kopf, seit ich denken kann. Wahrscheinlich hat es auch davor schon gepfiffen. Aus irgendeinem Grund ist der Einsatz meiner Ohren trotzdem das Einzige, was ich wirklich beherrsche, was ich wirklich kann. Ich wäre verloren ohne sie. Toningenieure sagen mir oft, ich höre Dinge, die sonst niemand hört. Nur echte Stille erlebe ich nie. Das Pfeifen lässt sie nicht zu. Vielleicht geht es in meiner Musik auch deshalb so viel um Stille? Weil sie so unerreichbar für mich ist? Daran habe ich noch nie gedacht. Jedenfalls verliert das Pfeifen seine Bedeutung, sobald ich eigene Musik mache oder fremde höre. Fremder Musik begegnete ich gerade in der Berliner Philharmonie bei einem Klavierabend von Grigory Sokolov. Er fing an mit Beethovens „Eroica-Variationen“. Ich nehme an, es war meisterhaft gespielt; der Zyklus selbst langweilt mich sehr, und ich kann mich kaum zu einer Meinung durchringen. Dann aber! Dann aber spielte Sokolov Brahms! Die „Drei Intermezzi op. 117“. Vielleicht die schönste Musik, die jemals geschrieben wurde. Jeder Ton dieser Stücke ist wie Luft zum Atmen für mich. Sie sind hundertdreißig Jahre alt, aber noch immer klingen sie wie Musik von heute, die in durchdringender, unbedingter Klarheit von der Unerträglichkeit der Welt und der gleichzeitig rauschenden Liebe fürs Leben erzählt. Als der Russe Sokolov dann in der Zugabe den Russen Skrjabin spielte, vor deutschem Publikum, nicht weit vom Brandenburger Tor, nicht weit vom Kanzleramt, in diesen Tagen des Krieges nicht weit von hier, waren seine Töne so viel mehr als nur Musik. Und der Tinnitus war wie ausradiert.

          „Schlafen ist das Größte“: Musiker Malakoff Kowalski
          „Schlafen ist das Größte“: Musiker Malakoff Kowalski : Bild: Tobias Kruse

          Vor vielen Jahren bekam ich von einer amerikanischen Freundin „The Razor’s Edge“ von Somerset Maugham geschenkt. Mein Vater liebte diesen Roman. Sein Tod war damals noch recht gegenwärtig für mich. Ich rührte das Buch nie an. Es lag immer sichtbar irgendwo herum, aber ich schaute einfach nie hinein. Ich weiß nicht mehr, was mich vor ein paar Wochen dazu bewegte, es schließlich doch zu öffnen und zu lesen. Im Gegensatz zu meinen eigenen Erlebnissen, die schon seit Längerem nur noch aus einem Aufnahmestudio, einem Schlafsack und einer Luftmatratze unterm Flügel bestehen, war ich mit diesem Buch auf einmal in Chicago, in London, in Paris, in Indien, an der Riviera. Ich war mit meinem Vater und dem irren, schnöseligen Elliot, dem vornehmen Erzähler, der spießigen Isabel und dem sonderbaren, verträumten Larry überall dort, wo ich in Wirklichkeit schon eine ganze Weile nicht mehr gewesen bin. Es war unheimlich, diesen Figuren und ihren wirren Vorstellungen vom Sein zu folgen, weil ich mich natürlich auf jeder Seite fragte, was wohl in meinem Vater als junger Mann vorgegangen sein muss, als er – wahrscheinlich in Teheran – mit den Biographien dieser Leute zwischen den Weltkriegen eins wurde. So sehr, dass er mir, seinem Sohn, viel davon erzählte. Warum bloß? Dachte er, ich würde das alles eines Tages auch lesen und ihn dann rückblickend besser verstehen? Ich war traurig, als die Geschichte zu Ende war.

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