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Videospielkritik: „Deponia“ : Der Mann aus dem Müll

  • -Aktualisiert am

Videospielkritik:“Deponia“ Rufus fliegt aus dem Müll. Bild: Daedalic Entertainment GmbH, F.A.Z.

Rufus will raus. Und die Spieler von „Deponia“, einem kleinen, gemeinen Such- und Klick-Abenteuer, müssen ihrem miesen Helden nach Kräften einen Weg bahnen: aus dem Müll, himmelwärts.

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          Raus aus dem Müll und ab zu den im Himmel schwebenden Städten hoch über der Planetenoberfläche, das ist Rufus’ einziger Wunsch. Der verschrobene Bastler wohnt am Rande der weltumspannenden Müllkippe des Planeten Deponia und hat schon viele vergebliche Versuche unternommen, seine Lebensmittelpunkt aufwärts zu verlagern.

          Seine Mitmenschen wünschen ihm dabei bestes Gelingen, denn Rufus ist kein einfacher Charakter: Erfolglos, egoman und gemein, aber fest davon überzeugt, in Wirklichkeit ein selbstloser Held zu sein, schmarotzt er sich durch das Leben seiner Ex-Freundin Toni.

          Bei seinem nächsten vom Spieler unterstützten Fluchtversuch schießt er sich im wahrsten Sinne des Wortes eine Prinzessin vom Himmel: Ohnmächtig liegt sie da, und Rufus plant sofort ihre Rückführung ins Elysium. Natürlich würde er ihr Geleit anbieten, damit selbst von Deponia entkommen und so dem Spiel ein wunderbares Happyend bescheren.

          Das ist eine schöne Grundlage für ein klassisches Lustspiel voller Irrungen und Wirrungen, in dem der Spieler seinen Rufus zum Ziel verhelfen soll. Die Spielwelt des Such- und Klick- Abenteuerspiels „Deponia“ ist eine anspielungsreiche Mischung aus Dantes „göttlicher Komödie“, Elysium und schwarzem englischem Humor.

          Bewohnt wird sie von Gestalten, die gerade aus Terry Pratchetts „Scheibenwelt“ entsprungen sein könnten. Überwiegend benehmen sie sich politisch, häufig auch moralisch höchst inkorrekt und sind doch, immer in ihrer jeweiligen Motivation, glaubwürdig. Und wen als Mann bei der Synchronstimme von Rufus schnippischer Ex-Freundin Toni nicht automatisch ein schlechtes Gewissen ereilt, der hatte noch nie Auseinanderssetzungen mit einer Frau. Oder gar noch überhaupt keinen Kontakt zum anderen Geschlecht.

          Ein Spiel zum inspirierten Mitdenken

          Daedalics „Deponia“ ist der Gegenentwurf zu all den technik- und grafikversessenen „Actiongames“ die derzeit die Verkaufslisten anführen: Hier gibt es nicht so viel, aber dafür Spezielles für Menschen mit schwarzem Humor, leichtem Hang zur Comic-Kultur und den Fantasy-Romanen der achtziger Jahre.

          Die Aufgaben im Handlungsverlauf des Spiels sind, wenn man sich den schlechten Charakter seiner Spielfigur auch nur ein bisschen zu eigen macht, mit etwas Phantasie und Hirnschmalz lösbar. Die detailreich handgezeichneten Spielorte der wendungsreichen Verwechslungs- und Liebesgeschichte wecken die Entdeckungslust.
          Wie fast alle anderen Computerspiele, macht auch der Zeitfresser „Deponia“ seine Spieler zu Einzelgängern. Aber wer in der Figur des Anti-Helden Rufus ganz versinkt und zu lange die Umwelt vergisst, hat wohl sowieso keine Freunde.

          „Deponia“ ist ein Spiel zum inspirierten Mitdenken, nicht nur bei den Rätseln, sondern auch mit seinen Anspielungen und Zitaten, die kulturinteressierten Menschen Freude machen. Ein Original im Massenmarkt der Computerspiele-Industrie. Die Entwickler verkaufen das Spiel dennoch ohne Kopierschutz. Vielleicht auch gerade deshalb.

          Plattform: Windows PC
          Rechner Anforderungen: eher niedrig
          Preis: ca.30 Euro

          Publiziert durch: Daedalic Entertainment 2012
           

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