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VG Wort : Ein Urteil, das alle trifft

  • -Aktualisiert am

Wer schreibt, bekommt alles. Aber ist Verlegen etwa keine Leistung? Hans Fallada, dem diese Schreibmaschine gehörte, durfte sich noch nicht über regelmäßige Geldausschüttungen freuen. Bild: dpa

Autoren freuen sich, denn sie bekommen mehr Geld. Doch mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, nach dem Verlage keinen Anteil an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften haben sollen, sind die Verleger nicht einverstanden.

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          Für Autoren klingt das erst mal gut. Schriftsteller oder auch Journalisten – alle jedenfalls, die in einem Verlag etwas veröffentlicht haben – könnten demnächst doppelte Einnahmen erhalten bei der gesetzlichen Vergütung für private Kopien. Denn das Urteil im „Reprobel-Verfahren“ vor dem Europäischen Gerichtshof (F.A.Z. vom 14. November) hat zur Folge, dass in Deutschland diese Einnahmen nicht, wie bislang, hälftig zwischen Verlegern und Autoren geteilt werden, sondern ganz an die Autoren gehen sollen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch für den Autor Martin Vogel muss dieses Urteil wohl gut klingen. Denn er hatte mit seiner Klage gegen die VG Wort dafür gesorgt, dass seit 2012 die Verlagsanteile von den Verwertungsgesellschaften nur noch unter Vorbehalt ausgezahlt werden oder bereits ausgesetzt sind. Vogel glaubt, dass Verlage sich „unrechtmäßig bereichern“. Genau das scheint durch das europäische Urteil nun bestätigt.

          Horrorszenario statt Adventsüberraschung

          Für Verlage hingegen klingt dieses Urteil gar nicht gut: Von einem „annus horribilis“ in der Geschichte des Verlagsrechts sprach bereits der Börsenvereinsjustitiar Christian Sprang. Und die Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für eine vielfältige Verlagsszene in Deutschland und insbesondere für unabhängige Verlage einsetzt, sieht ein „Horrorszenario statt Adventsüberraschung“. Die VG Wort hat nämlich bereits Rückforderungsbriefe für die Ausschüttung 2012 versandt. Die Forderungen entsprächen bei kleineren Verlagen einem durchschnittlichen Jahresumsatz, bildeten eine existentielle Bedrohung und stellten deren Fortbestand massiv in Frage, schreibt die Stiftung.

          Aber auch größere Verlage seien proportional genauso betroffen, sagt Hanser-Verleger Jo Lendle im Gespräch mit dieser Zeitung. Frustrierend an dem europäischen Urteil findet er, dass ein „eigentlich gut funktionierendes Modell“ der Verteilung, mit dem alle zufrieden waren, auch die meisten Autoren, nun zu scheitern drohe.

          Bis zur Entscheidung des Bundesgerichtshofs im noch offenen Klageverfahren gegen den Verteilungsplan besteht also Rechtsunsicherheit in Deutschland – und in dieser Zwischenzeit sind schon manche Verlage durch eingefrorene Ausschüttung bedroht.

          Eine latente Geringschätzung der Verlagsarbeit

          Aber es steht noch mehr auf dem Spiel: Es gehe um die grundsätzliche Wertschätzung der Verlagsarbeit vom Lektorat bis zur Aufmachung, sagt auch Jörg Sundermeier. Er ist im Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung und leitet den unabhängigen Verbrecher Verlag, ist aber selbst auch Autor. Dennoch ist er wie Lendle der Meinung, dass die Verlagsauschüttung letztlich den Autoren zugutekomme und deshalb auch in ihrem Interesse liegen müsse.

          Stattdessen sieht Sundermeier eine latente Geringschätzung von Verlagsarbeit: Es sei eine Erfahrung von Verlegern, „dass Politiker und Juristen oft nicht wissen, was wir machen“. Manche sähen gar in den Verlegern nur „Blutsauger“ und setzten sie mit Piraten gleich. Es gebe zwar tatsächlich einige wenige Verlage, die an Texten nichts veränderten und sie nur vermarkteten, aber das EuGH-Urteil gehe nun deutlich zu Lasten der großen Mehrheit, die hochwertige Arbeit leiste: „Man nimmt das zu große Kaliber, um einige schwarze Schafe zu treffen.“

          Wolfgang Hörner vom Verlag Galiani Berlin meint gar, das Urteil, das die Verlage von der Kopienvergütung ausschließt, führe letztlich zu einer Stärkung der Geräteindustrie und schwäche sowohl Verleger als auch Autoren; das sei doch bizarr.

          Drängen auf eine europäische Regelung

          Unabhängig von der noch ausstehenden Entscheidung im deutschen Klageverfahren, das erst im März überhaupt wiederaufgenommen wird, drängt auch die VG Wort nun auf eine europäische Regelung. Ihr geschäftsführender Vorstand Robert Staats äußert im Gespräch, es sei in keiner Weise einzusehen, dass die Verlage nicht an der gesetzlichen Ausschüttung beteiligt würden. Und Justizminister Heiko Maas sagte vorgestern bei einer Konferenz zur Zukunft des Urheberrechts, die gemeinsame Wahrnehmung von gesetzlichen Vergütungsansprüchen durch Kreative und Verwerter sei „eine große Errungenschaft, und die sollten wir auch verteidigen“. Eine rechtssichere Lösung allerdings erreiche man sicher nicht national, sondern nur auf europäischer Ebene.

          In der Zwischenzeit kann man nur hoffen, dass sich alle Beteiligten den Wert von Verlagsarbeit klarmachen. Wohin man auch schaut, auf Belletristik, Sachbücher oder Journalismus: Die Vorstellung, dass hochwertige Produkte von Urhebern ohne jegliches Zutun ihrer Verlage geschaffen würden und diesen deswegen auch keinerlei Vergütung aus der Reproduktionsausschüttung zustünde, ist absurd. Höchstens für gewisse Selfpublishing-Erzeugnisse könnte das gelten. Sollen die etwa das Leitbild für eine verlegerische Zukunft in Deutschland sein?

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