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Kommentar zum Lesen : Was uns noch mehr spaltet

Eine Lesepatin hilft einem Schüler beim Textverständnis. Bild: dpa

Digitalisierung wird als angebliches Allheilmittel in den Klassenzimmern gehandelt. Dabei ist es der Verzicht aufs Buch, der zu sozialer Benachteiligung führt.

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          Der Verlust von mehr als sechs Millionen Buchlesern in Deutschland im Verlauf der Jahre seit 2012 ist kein Alarmsignal, wenn man, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels es tut, nur auf die Umsatzzahlen schaut oder von Buchmesse zu Buchmesse zuverlässig neue Rekordbesucherzahlen meldet. Es ist aber eines, wenn man über Chancengleichheit in Deutschland nachdenkt. Alle Ergebnisse der Leseforschung sind sich in einem einig: Auf keine Weise wird aufmerksamer und „vertiefter“ gelesen als in klassischen Büchern. Ob das eine Prägung unserer Spezies ist, die nicht auf Ewigkeit Anspruch erheben kann, tut nichts zur Sache. Da Evolution nicht sprunghaft von einer Generation zur anderen stattfindet, tun wir gut daran, bislang erworbene Fähigkeiten konsequent zu nutzen. Das Buch ist eines der wichtigsten Werkzeuge dabei.

          Wir müssen eine Debatte übers Lesen führen

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf der Frankfurter Buchmesse wird seit Jahren versucht, statt Büchern „content“ in den Mittelpunkt zu stellen: Inhalte also, die angeblich nichts mehr mit ihrer Darreichungsform zu tun haben. Längst verleiht sie auch Filmpreise, lässt verkleidete Manga-Liebhaber zum Wettbewerb antreten, hat für Neue Medien immer größere Flächen parat. Das alles soll sie tun, es dürfte ökonomisch vernünftig sein. Aber wenn sie es ernst meinte mit „Content“-Vermittlung, dann müsste sie vor allem das propagieren, was dabei die besten Dienste leistet: das Buch.

          Wir müssen eine Debatte übers Lesen führen, wenn wir nicht eine Vertiefung jener gesellschaftlichen Spaltung bekommen wollen, die es längst gibt: zwischen Lesern und Nichtlesern.

          Es ist eine Spaltung, die mit dem Bildungsniveau korreliert: Je höher der Bildungsabschluss, desto größer das Interesse an Literatur, und je mehr Kinder lesen, desto besser sind sie im Schnitt in der Schule. Es ist eine Spaltung, die mit der Einkommensverteilung korreliert: Je mehr Durchschnittsverdienst, desto mehr Bücher werden gelesen. Deshalb ist der Verlust von einem Sechstel der deutschen Buchleser für den Buchhandel auch so leicht zu verkraften: Die verbliebenen fünf Sechstel können sich höhere Bücherpreise leisten. Dadurch jedoch wird eine soziale Segregation verstärkt, die an anderer Stelle durch höchsten finanziellen Einsatz bekämpft wird: etwa durch das angebliche Allheilmittel der Digitalisierung in den Klassenzimmern. Die Vertreter einer solchen Bildungspolitik könnten ihr Gerechtigkeitsideal billiger haben. Lasst die Kinder lesen! Aber mit Büchern wird viel weniger Geld verdient als mit Digitaltechnik.

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