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Corona-Regeln in Düsseldorf : Verweilverbot

  • -Aktualisiert am

Ein zerstörtes Hinweisschild am Düsseldorfer Rheinufer zeigt: Hier hat offenbar schon jemand seinem Unmut über die neue Vorschrift freien Lauf gelassen. Bild: dpa

Das Verweilverbot am Düsseldorfer Rheinufer scheucht pandemiemüde Sonnenanbeter auf: Stehen, Sitzen und Liegen sind verboten. Was hätte Goethe nur dazu gesagt?

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          „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn!“, ruft Goethes Faust zu allem entschlossen aus – und hätte dieser Tage in Düsseldorf beste Chancen, seine Wette mit Mephistopheles niemals zu verlieren. Befreit vom Eis sind auch in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt Strom und Bäche, schon Wochen vor dem Osterspaziergang, und die des winterlichen Lockdowns müden Menschen treibt es hinaus an den Rhein und in die Altstadt. Mag die längste Theke der Welt noch hinter Schloss und Riegel bleiben, wenigstens den freien Sonnenschein wollen sie genießen, oder – goethesch ausgedrückt – „des Frühlings holden, belebenden Blick“.

          Hingestreckt auf eine Bank am Fluss, Licht und Wärme zugewandt, oder gestützt auf ein Geländer mit Sicht auf das glitzernde Wasser, könnte sich der Moment herrlich dehnen. Wer in den zurückliegenden Monaten, zum eigenen Schutz und dem anderer eingekerkert von Corona-Maßnahmen, nichts sehnlicher wünschte, als dass die Zeit verfliege, könnte endlich wieder denken: „Verweile doch! du bist so schön ...“ – gäbe es da nicht das Düsseldorfer Verweilverbot. Freitag ist es in Kraft getreten, um nach einem Massenandrang an den ersten warmen Tagen des Jahres allzu virenfreundliches Gedränge im Freien zu verhindern. Statt ganze Zonen einfach zu sperren, gelten dort nun einigermaßen abstruse Bewegungsvorgaben. Wer den Raum durchmisst, hat das Plazet, wer verweilt, nicht.

          Immer schön in Bewegung bleiben

          Anders ausgedrückt: Gehen, Wandern, Schreiten, Laufen, Rollen, Hetzen, Hechten, Schlurfen, Schleichen, Weichen sind erlaubt; Stehen, Sitzen, Lungern, Liegen, Lümmeln, Lauern rufen die Polizei oder das Ordnungsamt auf den Plan. Dass nur sich regen noch Segen bringt und Weile mit Eile obligatorisch ist, haben am Wochenende zahlreiche Verweilverbotverweigerer zu spüren bekommen, die sich etwa auf den Mauern an der Apollo-Wiese niedergelassen hatten. Sie wurden amtlich aufgefordert, weiterzugehen. Dazu gab es entsprechende Lautsprecherdurchsagen. Langeweile kommt nicht auf, wenn selbst das maskierte Verweilen mit Sicherheitsabstand als Nukleus möglicher Ballungen verhindert wird. Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen; Sitzen und Liegen auf dem Boden und den Treppen nicht gestattet: Die – nicht unbegründete – Angst vor der Mutante choreographiert nun Fußgänger auf Flaniermeilen wie sonst an Unfallorten oder in Bahnhöfen laut Hausordnung.

          Dabei haben wir ohnehin seit Monaten das Gefühl, dass alles erstarrt ist und zugleich rast: Ein nicht enden wollender „stehender Sturmlauf“, wie er schon Kafka in Träumen quälte. Jetzt könnte man sagen: Auch das geht vorbei. Vertretet euch bis dahin einfach in Wald und Flur die Füße, wo ihr gehen und stehen könnt, wie es beliebt. Ja, schon. Aber in der Stadt sitzend, in die Sonne blinzelnd verweilen, das hat so etwas Normales, Schönes, dass man einfach dabei bleiben will. Wir haben genug vom Spazierengehenmüssen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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