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Versuch, Russland zu verstehen : Zusammen sind wir wenigstens zusammen

Beim Rockfestival „Naschestvie“, zu Deutsch „Invasion“, Anfang Juli in der russischen Region Twer. Bei dem Panzermörser handelt es sich um das System „Nona“ (120 mm). Bild: dpa

Das russische Volk leidet an seiner Einsamkeit. In der Welt ist das Land isoliert, zu Hause gespalten, der Präsident lebt im Kokon der Macht. Nur der Glaube an die eigene Stärke verbindet die gekränkte Gesellschaft.

          Das unbedingte Böse hieß Tschernomor und war ein Zwerg. Er köpfte seinen Bruder - aus Eifersucht und Machtbesessenheit -, verschleppte Fürstentochter Ludmilla und verhexte sie. Sie fiel in einen Zauberschlaf, bis ihr Mann Ruslan sie ganz heldenmäßig wieder auferweckte. So geht das Puschkin-Märchen „Ruslan und Ludmilla“, das jedes Kind in Russland kennt.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im aktuellsten aller Märchen Russlands heißt das Böse nun nicht mehr Tschernomor, sondern wahrscheinlich Wladimir Wladimirowitsch Putin. Schließlich köpft er sein Nachbarland, verzaubert Millionen mit seiner Propaganda und trägt vermutlich auch einen Teil der Schuld am Abschuss von Flug MH17, da ohne ihn der ostukrainische Konflikt vielleicht nie eskaliert wäre.

          Und ohne Eskalation wäre das malaysische Flugzeug nicht abgeschossen worden. 298 Tote, gestorben auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Dazu noch mehr als eintausend Tote seit Mitte April, gestorben zwischen zwei Fronten. Zwei Fronten, die vor Putins Krimannexion niemals so existierten.

          Wie die anderen leben, das weiß Putin nicht

          Puschkins Geschichte von Ruslan und Ludmilla endet natürlich absolut moralisch. Und so könnte man jetzt auch auf einen realen Ruslan warten, der den russischen Präsidenten entmachtet und das Land wieder auferweckt. Aber es ist kein Zauberschlaf, in dem sich Russland im Moment befindet. Und an all dem Unglück ist nicht nur Wladimir Putin schuld.

          Seit vierzehn Jahren lebt Putin schon in einem Kokon der absoluten Macht. Hinter den dicken Wänden kann der russische Präsident nicht sehen, was mit Russland und in der Welt passiert. So nennt Putin in seiner präsidialen Puppenruhe die Separatisten, die eigentlich Terroristen sind, einfach nur Milizen. In dieser Puppenruhe verabschiedet Putin auch die verrücktesten Gesetze, vermutlich, weil er sich nicht einmal vorstellen kann, dass diese Gesetze andere Leben irgendwie belasten.

          Denn wie die anderen leben, das weiß er nicht, das kann er gar nicht wissen, zu sehr ist Putin von der restlichen Gesellschaft abgeschottet. Er ist der mächtigste Mann Russlands und vielleicht auch der einsamste. Wahrscheinlich brütet Putin nur wegen dieser großen Einsamkeit an seinen Plänen zur Eurasischen Union, denn mit so einer Union, da wäre Putin nicht mehr ganz allein.

          Der Patriarch als Zigarettenhehler

          Genauso abgeschottet wie der Präsident leben die Duma-Abgeordneten. Sie haben ihre eigenen Chauffeure, Köche und Geliebten und wohnen in hochabgezäunten Villen. Auch sie sehen nicht, wie das Land lebt. Doch ab und zu dringt etwas Zorn des Volkes durch ihre dicken Mauern, und dann wollen sie die Menschen kurz beruhigen. Deshalb suchen sich die Politiker auch immer wieder neue Feindbilder heraus.

          Das Volk ist wütend? Dann erklären wir ausländisch finanzierte NGOs zu Agenten, dann kann das Volk auf die ausländischen Agenten wütend sein. Das Volk ist immer noch wütend? Dann machen wir ein Gesetz gegen Homosexualität, dann kann das Volk auf die Homosexuellen wütend sein. Wie, das Volk ist immer noch wütend? Dann fällt uns morgen bestimmt noch irgendein anderes großes Feindbild ein!

          Ganz in der Nähe der einfallsreichen Duma-Abgeordneten lebt die orthodoxe Kirche in ihrer eigenen Welt. Ihr Anführer wird in Russland Patriarch Kyrill genannt und war einmal ein sehr erfolgreicher Zigarettenhehler. In den neunziger Jahren handelte Kyrill ganz offiziell als Erzbischof mit importierten Zigaretten. Auf den Gewinn zahlte die Kirche dann nicht einmal Steuern, weil Kyrill sein Tabak-Business als „humanitäre Hilfe“ deklarierte.

          Häftlinge gestehen Verbrechen, die sie nicht begangen haben

          Diese und andere orthodoxe Gangster-Storys interessieren in Russland aber nur sehr wenige, da jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Und auch die vielen Klagen der orthodoxen Kirche gegen Kunst- und Meinungsfreiheit sind den meisten Russen absolut egal. Nur nicht den Duma-Abgeordneten, sie haben den Orthodoxen sogar, weil die nun mal so gerne klagen, vergangenes Jahr ein neues Blasphemiegesetz geschenkt. Seitdem ist „die Beleidigung religiöser Gefühle“ keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat, für die man bis zu drei Jahre einsitzen muss.

          In Russland sperrt man gerne Menschen weg, am liebsten diejenigen, die es sich erlauben, aus ihren Kokons auszubrechen, so wie Michail Chodorkowskij. Der ehemalige Oligarch forderte Putin öffentlich auf, die Korruption in Russland zu bekämpfen. Chodorkowskij wusste, dass er damit seine stumme und gutgesicherte Welt - die Welt, in der alle Oligarchen leben - hinter sich lassen würde, ahnte vermutlich aber nicht, dass er zur Strafe im Gefängnis landen würde.

          Dass Menschen, die im Knast sitzen, abgeschottet sind, ist keine Überraschung. Trotzdem begreift man, wenn man Chodorkowskijs Briefe aus der Haft liest, dass jeder in den Lagern von Krasnokamensk und Tschita, egal ob schlichter Säufer, böser Schwerverbrecher oder boshafter Aufseher, nicht nur physisch, sondern auch psychisch isoliert lebt. Deswegen gehört es da zum Alltag, dass Häftlinge Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben, weil sie so auf bessere Haftbedingungen hoffen können, oder andersherum, dass Unschuldige zu Geständnissen gezwungen werden, damit die Lagerleitung Statistiken einhalten kann.

          Und die Überforderung machte die Russen depressiv

          Chodorkowskijs Geschichten aus Sibirien erinnern an die Erzählungen Warlam Schalamows und die Gnadenlosigkeit des Sowjetregimes, die Schalamow im GULag erlebte. So ist es eben mit Russland: Immer kehrt es dahin zurück, wo es schon einmal war. Warum? Weil aufstehen und sich einmischen anstrengend ist, und anstrengen wollen sich die meisten Russen nicht, zu tief ist das Oblomowtum - die unbedingte Trägheit, die der Held in Gontscharows Roman „Oblomow“ für die Ewigkeit verkörpert - in die russischen Seelen eingewachsen.

          Der Zerfall der Sowjetunion führte die Menschen aus ihrer sozialistischen Trägheit in einen Rausch, der ebenso einsam machte, da jeder sich ganz alleine auf die Suche nach dem großen Geld begab. Nachdem die Russen über Nacht verlernen sollten, ihr Leben für die Heimat und den Sozialismus aufopfern zu wollen und zu müssen, war das Leben natürlich ein vollkommen anderes und viele vollkommen überfordert.

          Und diese Überforderung machte sie depressiv. Zwar könnte so eine tiefe Depression die Menschen wenigstens im Leid verbinden, doch nicht in Russland. Da leidet man am liebsten nur für sich oder zumindest unter sich.

          Die Arbeitslosen zum Beispiel. Arbeit gibt es fast nur in Moskau und St. Petersburg. Auf dem Land und in den Kleinstädten trifft die Arbeitslosigkeit besonders junge Menschen, und diese jungen Menschen werden wütend. Statt Arbeit gibt es für sie Wodka. Mit jedem Schluck wächst ihre Wut, die sie dann oft an Ausländern auslassen, an Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Von ihnen gibt es in Russland viele, sie arbeiten in der Regel vierzehn Stunden täglich.

          Wie sehr Russen Nicht-Russen hassen

          Und diese vierzehn Stunden sind auch der Grund, warum sie arbeiten und nicht die jungen Russen, die für so wenig Geld so viel nicht leisten wollen. „Schwarze“ werden die Arbeitsmigranten von den Braunen genannt und auch mal durch die Stadt gejagt oder verprügelt. Diese brutale Xenophobie gibt den jungen Wütenden das chauvinistische Zusammengehörigkeitsgefühl, nach dem sich jene Einsamen so sehnen. Fremdenhass gibt es jedoch nicht nur in der russischen Provinz. Auch in der Moskauer Metro hört und sieht man täglich, wie sehr Russen Nicht-Russen hassen.

          Weniger wütend und nie brutal sind zwar die gemäßigten Oppositionellen, aber auch sie haben sich vom Rest des Landes abgeriegelt, sind jetzt sogar Gespaltene untereinander. Ihre kollektive Euphorie, die die ersten Demonstrationen im Winter 2011 auslösten, ist verflogen. Nun bekämpfen sich die Oppositionellen zum Teil gegenseitig. Doch einige entdecken auch gemeinsam Sympathien für Putin, schreiben fröhliche Glückwünsche zur Krimannexion in ihre Twitter- oder Facebook-Timelines und wirken dabei fast wie kleine Kinder, die endlich auch mal am Erwachsenen-Tisch sitzen wollen.

          Und auch die Nicht-Politischen, die Millionen arbeitenden Russen, freuen sich immer noch über die Annexion der Krim, weil sie sich sonst nur über wenig freuen können. Denn sie sind Tag und Nacht damit beschäftigt, Geld zu verdienen, um überhaupt zu überleben. Und wenn sie dann am späten Abend endlich nach Hause kommen und den Fernseher anschalten, sind sie zu müde und zu schwach, um die Bilder, die sie da sehen, zu hinterfragen. Lieber leben sie im Damals, denn damals war alles ja viel besser, weil man alles geglaubt und weggeschaut und ordentlich „Prawda“ gelesen hat.

          Den meisten ist es egal, dass die Nachrichten lügen

          Die heutige „Prawda“ sind Putins Medien. Selbst jetzt, wo die Beweise für die Verbrechen der Separatisten so erdrückend sind, strahlt das Fernsehen nur Bilder aus, die von der Gewalt der ukrainischen Soldaten berichten, zeigt, wie sie die Bergung der MH17-Wrackteile behindern. Kein Wort über die Hintergründe des Abschusses. Fast so, als ob es diesen Abschuss nie gegeben hätte, demonstriert das russische Fernsehen weiterhin die neue Stärke Russlands, und das macht die erschöpften Millionen glücklich, denn diese Stärke ist das Einzige, was die Menschen in Russland im Moment vereint. Sie hilft ihnen, die Kränkungen und postsowjetischen Depressionen zu vergessen und nach dem harten Arbeitstag wenigstens im Fernsehen ein Glücksgefühl durch die Gemeinschaft zu erleben.

          Deswegen ist es auch den meisten Russen egal, dass die Nachrichten lügen, selbst denjenigen, die wissen, dass die Nachrichten lügen. So wie meinem Vater, den ich immer wieder frage, warum er trotzdem dieses Fernsehen schaut. Als Antwort zitiert er Puschkin, da jeder Russe Puschkin gern zitiert: „Eine Illusion, die uns schmeichelt, ist uns lieber als zehntausend Wahrheiten“, sagt er, und ich verstumme, denn über Puschkins Worte dürfen Russen niemals streiten.

          Lieber Puschkin lesen. Noch einmal „Ruslan und Ludmilla“ lesen. Und dann begreifen, dass sich dieses Märchen vielleicht ganz anders in das russische Jetzt übersetzen lässt. Sein Happy End findet die Geschichte mit einem großen Fest der glücklichen Gemeinschaft in Kiew, der Mutter aller russischen Städte. Denn vor mehr als eintausend Jahren war Kiew die Hauptstadt der Kiewer Rus, eines Bündnisses von Fürstentümern, aus denen der erste russische Staat erwuchs.

          Bei Puschkin heißt der Fürst von Kiew, der Vater der entführten Ludmilla, Wladimir. Und vielleicht ist Wladimir Putin doch nicht der böse Tschernomor - der Zwerg, den jedes Kind in Russland fürchten lernt, sobald es lesen lernt -, sondern der Fürst von Kiew persönlich. Nicht, weil er nur so heißt, sondern weil auch Putin einst ein großes Fest in der Ukraine feierte und damit eine neue, glückliche Gemeinschaft. Seine Truppenparade wurde zwar nur in Sewastopol veranstaltet, eine Party in Kiew aber wäre dem Präsidenten sicher lieber.

          Und Ruslan? Ruslan ist schon aufgetaucht, leider nicht als der moralische Held Puschkins, sondern als ein Abstraktum - als der neue russische Nationalismus. Er hat das Land aus seinem Zauberschlaf erweckt, aus der Isolation, in der sich jede einzelne Gesellschaftsschicht eingerichtet hatte. Denn seit dem Ukrainekonflikt findet das Volk zum ersten Mal zusammen, feiert gemeinsam die russische Stärke, verachtet geschlossen die ukrainische Regierung. Nach dem langen Nur-für-sich-Sein, haben die Russen nun das gefunden, was eine Verbindung zwischen ihren vielen eigenen Welten schafft.

          Die Idee zu diesem neuen Nationalismus hatte zwar Putin, jedoch vermutlich auch nur deshalb, weil er ein ebenso Isolierter war. Wie Millionen erlebt Putin jetzt eine Gemeinschaft, die es zuvor nicht gab; eine Gemeinschaft auf Kosten von Freiheit und des geköpften Bruders Ukraine; eine Gemeinschaft, die zusammen ihre Augen vor der Katastrophe des MH17-Flugs verschließt.

          Im realen Russland ist das Gute Puschkins zum großen Bösen geworden. Und sein phantastisches und unbedingtes Böses Tschernomor? Das gibt es nur im Märchen. Denn in der Realität ist das Böse nicht ein Einzelner, sondern das Kollektiv. Als Kind hatte ich immer Angst vor Tschernomor. Heute habe ich Angst vor Russland.

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